Jahrgang 
1905
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. 8, ese ...&gocn Einführungsrede des Direktors.t

Hochgeehrte Herren! Liebe Schüler! Das Vertrauen, mit dem mich die Verwaltung dieser grossen und schönen Stadt zur Leitung des Realgymnasiums berufen und das die vorgesetzten Königlichen Behörden bekundet haben, indem sie die getroffene Wahl billigten und ihre Bestäti- gung an Allerhöchster Stelle befürworteten, erfüllt mich mit unauslöschlichem Dank, und die freund- liche Begrüssung, die mich soeben in mein neues Amt geleitet, beweist mir aufs neue, dass man mit Wohlwollen und Zuversicht meiner nun beginnenden Wirksamkeit an dieser Anstalt entgegensieht.

Ich danke im besonderen Ihnen, hochzuverehrender Herr Provinzial-Schulrat, für die er- mahnenden und ermunternden Worte, die Sie an mich zu richten die Güte hatten. Ich bin mir der grossen Verantwortung, die Sie mit dem neuen Amt in meine Hande gelegt haben, wohl bewusst, wohl bewusst, was es heisst, der Nachfolger der hochverdienten Mànner werden zu sollen, deren Bildnisse diesen Festsaal zieren. Und doch wäre mir ängstliche Verzagtheit auch dann fern, wenn ich nicht schon mehrere Jahre hindurch als Leiter einer an Schülerzahl klei- neren, in ihrem Autfbau aber reicher gegliederten Anstalt hätte Erfahrungen sammeln können. Denn ich vertraue auf die Hülfe des allmächtigen Gottes, der meine Wege bisher so sichtlich gesegnet, und ich bin sicher, dass auch Ihr Rat und Beistand, hochzuverehrender Herr Provin- zial-Schulrat, wie der des Königlichen Provinzial-Schulkollegiums mir niemals fehlen wird. Und so bringe ich denn fest und freudig Ihnen das Gelöbnis der Treue dar, das Gelöbnis, alles, was mir an Gaben und Kräften verliehen ist, in den Dienst dieser mir anvertrauten Schule zu stellen.

Nicht minder herzlich danke ich Ihnen, hochgeehrter Herr Oberbürgermeister. In einer fast zwanzigjährigen Tätigkeit an städtischen Anstalten Rheinlands und Westtalens habe ich erfahren, mit welch weitem Blick und offener Hand die städtischen Gemeinwesen sich der Für- sorge für ihre höheren Schulen annehmen. Dass auch hier ein gleich grosses Interesse vorhan- den ist, beweist mir die Geschichte der Anstalt, die als die erste ihrer Art im Hessenlande vor nunmehr 35 Jahren von weit voraussehenden Männern gegründet worden, beweist mir Ihr und des Herrn Stadtschulrats persönliches Erscheinen und die Pläne, die Sie für die Zukunft der Schule hegen. Wie in Lüdenscheid in allen wichtigen und wesentlichen Fragen zwischen dem Kuratorium und mir Einmütigkeit bestand, so hoffe und wünsche ich auch hier, dass die Be- ziehungen zwischen Stadt und Schule von einem Vertrauen getragen sein möchten, wie es der Anstalt nur zum Vorteil gereichen kann. Es ist mein ernster Wille dahin zu streben, dass diese Schule blühe und gedeihe zur Freude der Stadt Cassel und ihrer Bewohner.

Ihnen, meine werten Herren Kollegen, die Sie mich durch Herrn Professor Stange willkommen geheissen haben, gebührt gleichfalls inniger Dank und Gegengruss. Bei dem Ab- schied aus meiner bisherigen Stellung habe ich der Freude darüber Ausdruck geben dürfen, dass das Verhältnis zwischen dem Lehrerkollegium und mir nicht allein durch amtliche Rück- sichten und Vorschriften bestimmt war, sondern dass gegenseitige Achtung und das Gefühl gemeinsamer Verantwortlichkeit uns aneinanderschlossen. So môöge es auch hier sein; kommen Sie mir offen und vertrauensvoll entgegen, wie ich Ihnen auch entgegenzukommen gedenke. Das uns anvertraute Gut ist zu kostbar, als dass wir uns nicht in allen Fragen, die das Wohl der Schule und ihrer Zöglinge betreffen, auf gemeinsamem Boden zusammenfinden müssten.

Wenn ich nun dazu übergehe, einige Gedanken über die Ziele und Aufgaben der höhe- ren Schulen und insbesondere des Realgymnasiums darzulegen, so bedarf es wohl kaum des Hinweises, dass ich mich mit Rücksicht auf die mir zugemessene Zeit auf das Allerwesentlichste und das mir besonders am Herzen Liegende beschränken muss.

Als die Aufgabe der höheren Schule betrachtet man allgemein die Vermittelung einer