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sicht gewonnen wird, dass mit diesen Versuchen einer kausalen und genetischen Naturerklärung ein Schritt über den Kreis der Tatsachen hinaus in das Gebiet der Hypothese gemacht worden ist, ein für den Fortschritt der Wissenschaft ebenso unvermeidlicher wie bedeutsamer Schritt, wenn sich einsehen lässt, dass es sich bei dem Gegensatz des ptolemäischen und kopernikanischen Weltsystems um ein allgemeineres Problem handelt, das schon an den Grenzen des Erkennens liegt, das Problem der Relativität jeglicher Bewegung, so mündet die Belehrung schliesslich in die Philosophie aus, die als Krone aller Wissenschaften einen würdigen Abschluss der Geistes- bildung bietet. Wo bleibt bei einer solchen Unterrichtsweise der praktische Nutzen? Und was möchte vielmehr die Wirkung in ethischer Hinsicht sein? Ich meine: eine auf gründlicher Einsicht beruhende Hochachtung vor dem Schaffensdrange jener Geisteshelden wie vor der Geistesarbeit überhaupt, ein ruhigeres Gleichmass der Seele gegenüber dem Wandel und Wechsel der Meinungen des Tages und das Gefühl demütiger Bescheidenheit gegenüber dem göttlichen Wirken, das auch dem umfassendsten Menschengeiste sich nicht in seiner ganzen Fülle und Majestät offenbart.
So haben auch die Realanstalten sich ein hohes Ziel gesteckt, wohl des Schweisses der Edlen wert. In seiner Mittelstellung aber zwischen dem Gymnasium und der Oberrealschule hat das Realgymnasium noch eine besondere Aufgabe zu erfüllen. In der Erkenntnis, dass unsere heutige Kultur mit vielen Fasern im klassischen Altertum wurzelt, hat es das Lateinische in seinen Lehrplan aufgenommen und sucht seine Schüler nicht durch Ubersetzungen allein, sondern zum Teil durch unmittelbares Zurückgehen auf die Quellen selbst in die Lebens- und Weltanschauungen jener alten Völker einzuführen, von denen aus sich erst ein volles geschicht- liches Verständnis der Gegenwart erschliesst. Diese Doppelaufgabe verlangt volle Hingabe der Lehrenden und Lernenden, sie birgt auch, das wollen wir nicht verkennen, die Gefahr der Zersplitterung der Kräfte in sich. Wenn wir aber sehen, wie lebensvoll trotz dieser Schwierig- keiten sich die Realgymnasien entwickelt haben, wie sie allen Stürmen widerstanden und aus den Kämpfen um ihre Existenz und die Anerkennung ihres Wertes siegreich hervorgegangen sind, dann mögen wir wohl mit Recht in ihnen eine Schulform erkennen, die in ihrer Eigen- art unentbehrlich ist und der noch eine grosse Zukuntt vorbehalten zu sein scheint.
Meine lieben Schüler! Ihr habt gehört, welch hohe Meinung ich von der Bildung hege, die ihr hier auf der Schule erwerben sollt. An euch ist es nun, zur Verwirklichung dieser Pläne nach den euch verliehenen Geistesgaben beizutragen. Trachtet mit emsigem Fleiss danach, die dargebotenen Wissensstoffe so in euch aufzunehmen und mit den bereits vorhandenen zu verknüpfen, dass sie zu jenen lebendigen Kräften des Erkennens und des Wirkens werden, die euch im Leben treu zur Seite stehen. Achtet nicht gering die sittlichen Forderungen, die wir erheben. Denn nur wer sich im Kleinen bewährt, wird auch in den Versuchungen bestehen, die das Leben nun einmal keinem Menschen erspart. Befleissigt euch vor allen Dingen der Wahrhatftigkeit und reisst alle unlauteren Regungen aus eurem Herzen, auf dass wahrhaft har- monische Bildung euch befâhige, im späteren Leben dem Volke, wozu ihr berufen seid, als Vorbild und Führer zu dienen. Zeigt insbesondere, dass der Sinn für die idealen Güter des Lebens in euch lebendig ist, werdet euch früh dessen bewusst, dass ihr in eurer ganzen Lebens- führung Gott verantwortlich seid, und der Pflichten, die ihr der Gesamtheit und dem YNater- lande schuldet. Beweist euch des Vertrauens würdig, mit dem Se. Majestät und mit ihm seine Ràâte den Realgymnasien die Pforten geöffnet haben und helft nach Kraàften den guten Ruf dieser Schule bewahren, die einst Se. Kgl. Hoheit den Prinzen Heinrich zu ihren Schülern zählen durfte und die schon so viele tüchtige Menschen ins Leben geschickt hat.
Dass aber der Segen Gottes ruhe auf diesem Hause und allen, die in ihm lehren und lernen, das wolle er uns in Gnaden verleihen.


