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Daß wir aus dem Munde gottbegnadeter Lehrer dieses Geistes einen Hauch schon früh spüren durften, das danken wir unserer alten Schule unser Leben lang. Diesem Gefühl des Dankes Ausdruck zu verleihen, gibt das jubelfest will- kommenen Anlaß. 3
Wir kommen von den Tafeln, die wir dem Gedächtnis unserer Gefallenen geweiht haben, die starben, damit Deutsch- land lebe, getreu dem uralten Spruch„Auf den Waffen und den Opfern ruht der Staat“.
Von der Vergangenheit wenden wir den Blick in die Zukunft, von denen, die für Deutschland starben, zu denen, die für Deutschland leben sollen. Einst besaß die Anstalt reiche Mittel, bedürftige und würdige Schüler zu unterstützen. Die Vorgänge nach dem Kriege haben sie dahingerafft. Es war daher ein sehr glücklicher Gedanke des Herrn Studiendirektors Dr. Luckhard, durch eine Jubelspende Ersatz zu schaffen. Dieser Gedanke, von ihm tatkräftig ausgeführt, fand unter den ehemaligen Schülern freudigen Widerhall. Und so darf ich Ihnen, sehr geehrter Herr Direktor, heute das Ergebnis der von Ihnen eingeleiteten Sammlung übergeben, die mit Zinsen in Kürze den Betrag von RM. 10000.—(zehntausend) erreichen wird; für die heutigen Verhältnisse und die Vermögenslage der meisten alten Schüler ein recht erfreuliches Ergebnis. Möge es dem Friedrichs-Gymnasium nie an Schülern fehlen, die würdige Nutznießer dieser Stiftung sind, und die durch alle Stimmen des Tageslärms den einen Grundton vernehmen und festhalten:„Nur das Volk hat eine Zukunft, das seine große Vergangenheit ehrt“.——
Nach kurzem Gelöbnis des Obersekundaners Uhlendonff, der die Stellung der Schülerschaft zum Humanismus be- tonte, und nach der Bitte an die Festteilnehmer, als deren Ausdruck die Festaufführung der Schüler hinzunehmen, sprach Studiendirektor Dr. Luckhard zur Geschichte der Anstalt und zur Bedeutung des Tages:
Sehr verehrte Damen und Herren!
Am heutigen Tage begeht der große Werein ehemaliger Friedrichsgymnasiasten sein 45. Stiftungsjest. Ich freue mich, daß dieser festliche Anlaß uns Gelegenheit bietet, hiermit die Feier des 150. Anstaltsjubiläums des Staatlichen Friedrichs- gymnasiums zu verbinden, die wir ursprünglich lediglich durch die Perseraufführung im Frühjahr festlich zu begehen beabsichtigten. So habe ich zwiefach ehrenvollen Auftrag im Namén des Vereins und der Schule, Sie herzlichst willkommen zu heißen und Ihnen für die hohe Ehre zu danken, die Sie dem Verein und dem Gymnasium erweisen dadurch, daß Sie sich zu unserer Jubelfeier eingefunden haben. Zu ganz besonderem Danke bin ich der vorgesetzten Behörde verbunden, die die alte Schule behütet und ihr den historisch erworbenen Platz unter den Bildungsanstalten der Provinz sichert. Gleich- zeitig vermag ich aber auch nicht als Vertreter der Schule mit meinem aufrichtigsten Dank zurückzuhalten gegenüber dem treuen Zugehörigkeitsgefühl der Fridericianer zu ihrer Schule, ihrer engen, unlõsbaren Verwachsenheit mit dem Gymnasium, die aus den Worten Ihres Sprechers, des Herrn Generalarzt Dr. Krummacher, herausspricht, und die der Schule zum heutigen Tage zwei wertvolle Gaben beschert: eine ſubiläumsspende für tüchtige, unterstützungsbedürftige Schüler und ein Ruder- bootshaus. Eine glückliche, geistig und körperlich gesunde Schuljugend möge auf dem Grunde dieser Jubiläumsgaben sich entwickeln und der stete Gegendank der Anstalt sein.
Wir feiern mit dem Gründungsjahr der Anstalt das Andenken an den Sen ,pn Friedrich II., dessen Denkmal, ein Wahrzeichen unserer Stadt, vor dem prachtvollen Theatergebäude steht. Aus seinen Gründungen, die rings um sein Stand- bild sich gruppieren, Kunstahademie, Museum Fridericianum, Antiquarium, Lyzeum Fridericianum, spricht zu Ihnen der begeisterte Freund der Antike. Dieser Landgraf ist's gewesen, der vor 150 Jahren die alte Städtische Lateinschule im Kreuz- gang von St. Martin in ein modernes, neuhumanistisches Gymnasium umwandelte. Damit war eine lange Tradition gerettet und der Fleiß einer alten, mittelalterigen Schule hinübergeleitet in ein neuzeitlich empfindendes Jahrhundert. So feiern wir gern diesen Tag als Symbol dessen, daß der Fortschritt der Jahrhunderte stets neue Lebensformen schafft, und daß wertvolle Geistesarbeit durch Einfügung, durch Anpassung in neue Zeitformen sich erhält. Gern aber auch lassen wir den Blick weit darüber hinaus in historische Fernen schweifen.
Der landschaftliche Untergrund, auf dem unsere Schule steht, ist kein alter Kulturboden. Zwei Jahrtausende trennen uns von der Kultur der Römerstädte an Rhein und Donau, zwölf Jahrhunderte von der Kultur der Bonifatiusklöster in Hessen, Fritzlar, Fulda, Hersfeld. Damals war das Kasseler Becken dünnbesiedeltes Grenzland, ein Eremos zwischen den Stämmen der Franken und Sachsen. Seit jeher pflegten die Germanenvölker große Gebiete Odland, auf denen zu siedeln höchst gefährlich war, zwischen ihren Stammesgrenzen liegen zu lassen, je ausgedehnter, um so ruhmvoller für den Stamm. Das Kasseler Gebiet liegt auf der markantesten Stammesgrenze, die ich kenne, die sich heute noch als Sprachgrenze zwischen Hoch- und Niederdeutsch, als Baugrenze zwischen der geschlossenen fränkischen Hofanlage mit Quertenne und dem offenen sächsischen Längsdielenhaus klar erkennen läßt. Dieses herrenlose Odland wurde naturgemäß bei der Einverleibung Hessens in den Merowingerstaat fränkisches Königsgut, es blieb jedoch höchst unsicherer Besitz trotz des festen Königshofes an der Fulda und trotz der Kirchenfestung Dietmelle auf dem Bezirk der alten Tingstätte am Lindenberg, da, wo heute der Stadt- teil Kirchditmold liegt. 4 4
Noch unter Karl Martell und Pipin waren Sachseneinfälle an der Tagesordnung. Erst das Vordringen der Franken unter Karl dem Großen, der bezeichnenderweise vor den Toren Kassels Sachsen und Franken in Wolfsanger auf Königsgut ansiedelte und beide zwang, sich zu vertragen, sicherte Hessens Nordgrenze und zugleich den Kasseler Königshof durch Kloster Corvey an der Weser und Bistum Paderborn an den Lippequellen. Als die Karolinger ausstarben, erstreckte sich das Jränkische Herzogtum Eberhards von der Lahnmündung bis zur Eresburg. Aber bereits drang unter den Ottonen die sächsische Gegenwelle von Norden wieder vor nach Süden auf Kosten Hessens. Otto I. zertrümmert nach Eberhards Sturz das Herzog- tum Franken; die Eresburg schlägt er zu Sachsen; Hessen gibt er seinem Sohn Luidolf. Mit gleicher Expansionskraft er- weitert das sächsische Bistum Paderborn seinen Machtbereich bis zur unteren Diemel und über ganz Waldeck hinaus nach Süden. Sächsische Grafschaften grenzen dicht an den Königshof Kassel, auf dem die Ottonen öfters Hof hielten. Noch unter den Saliern schützt Otto v. Nordheim 1071 den sächsischen Besitz gegen Heinrich IV. vom Dörnberg aus. Im allge- meinen scheint jedoch unter den fränkischen Saliern das Frankentum wieder nach Norden vorgestoßen zu sein, geistlich und weltlich. Der Erzbischof von Mainz rundet seine alten nordhessischen Besitzungen Hofgeismar und Warburger Land ab im Diözesanterritorium Reinhardswald. Der Landgraf von Hessen gewinnt mit Verdrängung des Mainzer Erzbischofs vom 13. bis 15. Jahrhundert das Gebiet nördlich von Kassel bis zur Wasserscheide jenseits der unteren Diemel, wo er die karolingische Hessengrenze wiederherstellt. Das um den Königshof an der Fulda gewachsene Fischerdorf Kassel am Schnitt- punkt zweier Heerstraßen erhebt er zur Residenz; in ihren starken Stadtmauern wird er zum kräftigen Träger fränkischer


