Jahrgang 
1930
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Tradition und zum treuen Förderer kaiserlicher Gewalt, die ihren Schwerpunkt auf Süddeutschland verlegt. Daß sich in diesem heißumstrittenen Grenzort Chassala verhältnismdßig spät geistiges Leben auf dem Arbeitsgrund einer eigenen Schule entwickeln konnte, leuchtet ein. 1230 unter dem Kinde von Brabant wird es Stadt, 1367 unter Landgraf Hermann erhält es in dem Kollegiatstift auf der Freiheit zu St. Martin die erste höhere Schule, die die Domschule Hessens werden sollte, die älteste Form unseres Friedrichsgymnasiums. Ein Kollegiatstiſt untersteht dem Probst. Neben ihm und unter ihm in wirtschaftlich selbständigen geistlichen Höfen leben elf Chorherren, die Domicellare, unter denen der Scholasticus uns am meisten interessiert. Er ist eine Art Stiftskanzler; als solcher schlichtet er die stiftischen Rechtsstreite, verwaltet das Stiftsarchiv, überwacht die Studien der Stiftsschule, die internen wie auch die externen; er unterrichtet kaum selbst, bestellt vielmehr einen vicarius oder altarista zum rector scolarium, unter dem wiederum die collaboratores, ältere Stiftsschüler, arbeiten. In der Schule herrscht der wohlgeodnete Geist Thomas' von Aquino, der sein logisch festgefügtes Gebäude ge- wandt verteidigt gegen die Angriffe einer allmählich von Süden und Westen eindringenden Renaissance. Draußen toben die languierigen Kämpfe des Landgrafen gegen die ritterlichen Bünde, in denen er, gestützt auf Stadthurgen und Bürger- herr, seinen hessischen Territorialstaat schuf, zu welchen Kämpfen die Stiftsschule dem Landesherrn das bürgerliche Beamten- tum vorbildet. Allmählich jedoch erobern sich die humanistischen Studien auch den Kasseler Boden; Landgraf Ludwig II. berief die hochgelehrten Kugelherren 1455, die wohlgemerkt nicht im Schulbezirk des Stiftes in der Freiheit, sondern in der Neustadt jenseits der Fulda ihre Schule eröffneten, Griechisch neben Latein? Einen Niedergang der alten Stiftsschule hieraus erschließen zu wollen, scheint gewagt, da allein auf der Universität zu Erfurt neunzig inscribierte Studenten aus Kassel bekannt sind, die vor der Eröffnung der Kugelherrenschule nur der Stiftsschule ihre Ausbildung verdanken können. Die Stürme der Reformalion brechen dem Humanismus volle Bahn. Die Stiftsschule wird 1539 unter Philipp dem Großmütigen in die städtische Lateinschule umgewandelt und blüht auf Grund der Torgauer Visitationsordnung mehrere Jahrhunderte weiter. Hebräische, griechische, ſateinische Studien, von trefflichen Lehrern vorgetragen, begründen ihren ansehnlichen Ruf, bis die theologischen Streitereien der evangelischen Konfessionen der Schule die besten Kräfte raubten und den Auf- stieg zueier Hofschulen in Kassel, Blüten des Rationalismus, ermöglichten. Gerade als die alte Schule durch die moderne Konkurrenz diéser ritterlichen Akademien französische, mathematische, technische Studien!erdrückt zu werden drohte, da rettete sie und den Humanismus in Kassel ein neuzeitlich empfindender, feingebildeter, dem klassischen Ideal ergebener Landesfürst, Landgraf Friedrich II., indem er die alte Lateinschule aus den baufälligen Kreuzgängen von St. Martin heraus in die Oberneustadt verpflanzte und ihr als Lyzeum Fridericianum das Gepräge eines neuhumanistischen Gymnasiums gab, 1779, vor 150 Jahren.

Die Schichsale der Städtischen Lateinschule seit 1530 und des Lyzeums Fridericianums seit 1779 sind in den gewissenhaften, gründlichen Arbeiten von Direktor Weber 1843/44 und Professor Paulus 1920 in umfassendster Weise geschildert worden, sodaß ich mich auf einen Umriß in großen Linien beschränken konnte. Nicht jedoch darf ich so schnell vorübergehen an den Persön- lichkeiten, die an dem Lyzeum wirkten. Vielfach war der Gelehrtenruhm dieser Lehrer die Ursache, daß sie aus dem Schul- dienst zur Professur nach Marburg gerufen wurden. Die Romantik schenkte der Schule den genialsten Schüler, ſacob Grimm, das Bismarcksche Zeitalter einen der strebsamsten, Prinz Wilhelm, den Erben des alten Reiches. Damals führte das Gymnasium Gideon Vogt, ein Schulmann von tiefstem, nachhaltigstem Einfluß auf seine Schüler, veit über das Grab hinaus. Mit umsichtigen, organisatorischen Gedanken seine 20-Klassen-Anstalt lenkend, jeden Schüler mit sorgsamer Auf- merksamkeit umfangend, mit unbiegsamer Energie eingreifend, unermüdlich Kraft und Zeit opfernd, unparteiisch gerecht bis zur Härte, auch gegen sich selbst, aber auch wieder munter bereit zu gesellschaftlicher Kurzweil, so lebt er noch heute in der Erinnerung seiner Schüler, ein leuchtendes Vorbild. Und neben ihm seine Paladine, die halfen, den Ruhm der Anstalt über die Landesgrenzen hinaus verbreiten: Auth I, Hartuig, Zuschlag, Püttgen, Kius, Praetorius, Pistor und Brede. Rudolf Brede, der feinsinnige, begabte Lehrer und musikalisch bedeutende Leiter des Primaner-Gesangvereins. Und Friedrich Stoll, der strenge Stilist, der gediegene Wissenschaftler, der Oberwinder des Todes in wunderbarer Arbeitskraft, bis ihm kurz vor diesem Erinnerungsfest Gott den Griffel aus der Hand nahm, mit dem er soeben sein Lebenswerk voll- endet hatte. Ehre dem Andenken dieser Männer! Aber auch Ehre der tüchtigen Lebensarbeit der noch unter uns weilenden alten lerren aus dieser großen Zeit! Jacob, dem Germanisten, Fechner, dem Kunsthistoriker, Hebel und Heermann, den Vorkämpfern der unerbittlich logischen und oft gefürchteten Mathematik, Hüpeden, dem genialen Erzähler und gemüts- tiefen Religionslehrer, dem unwiderstehlich mitfortreißenden Redner und allbeliebten Lehrer mit der großen Liebe zur Jugend im Herzen, und Paulus, dem streng grammatisch geschulten Philologen, der Stütze des Humanismus an der Anstalt in angestrengtester Arbeit über vierzig Jahre. Unter den bewährten Direktoren Heußner, Baltzer und Glogau blühte die Anstalt weiter in unverminderter Schülerzahl, die im letzten Jahrzehnt stetig gewachsen ist. Diese Männer sind uns jüngeren Vorbild; ihr Erbe auferlegt uns Anspannung aller Kräfte und aufopferndes Pflichtgefühl.

Ein Lehrmeister im Dienst ist das Vorbild pflichterfüllter Männer, deren Lebensarbeit vor der unsrigen liegt; ein Lehrmeister für das Leben aber ist die Geschichte einer alten Schule. Wenn uns in der Not des Geisterstreits und der Zer- rissenheit, in dem Druck der Kriegs- und Nachkriegszeit, aus der wir uns langsam herausarbeiten, in der die arbeitsamsten Minister hinwegsterben, Verzagtheit und Kleinmut enpue sollte, dann brauchen wir nur auf die Stimme der alten Schule

zu hören, die uns erzählt von ihren geistigen Schicksalen. Wie in ihr zu Beginn die Scholastik blühte und ihr logisch fest- gezimmertes Gebäudesicherte, und wie trotzalledem gegen sie der jugendlichstarke umanismus anging, Stein auf Stein heraus- brach und schließlich den Sieg gewann, wie der alternde Humanismus im Theologenstreit verkümmerte und der Rationalis- mus Schulter an Schulter mit moderner, realistischer Wissenschaft erstarkte und dem Neuhumanismus die Wege ebnete. Wie fedesmal beim Umschuung der Geister eine Welt zu zerbrechen drohte und gleichuohl immer wieder starke, kluge, sichere Männer auftraten, die die wertvollen Gedanken einer vergangenen Zeit in die neue Zeit hinüberleiteten und in ihrem Ausgleich eine neue Kulturblüte begründeten. Im Kampf der Weltanschauungen scheint es kein Ausruhen und keinen Stillestand zu geben; datß letzten Endes die edelsten Geister und die wertvollsten Könfe ihn führen, macht diesen Kampf zu einer Ent- wicklung unseres Volkes nach oben.

Das ist der Weisheit letzter Schluß, nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß.

Gott schenke dem Friedrichsgymnasium in unserem Freistaat gesunde Entwicklung und languährende Blüte!