Jahrgang 
1912
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Ich habe beſchloſſen, der Prima ſtatt der Fahne, die Meine Eltern geſtiftet haben, als Ich Schüler war, und die ein Opfer der Zeit geworden iſt, eine neue ſticken zu laſſen. Das Gymnaſium hat darum gebeten, die alte zurück zu bekommen; Ich werde ſie zurecht machen laſſen, damit ſie auf gehängt werden kann; Ich wünſche durch ſie die Erinnerung daran erhalten zu ſehen, daß aus Ihrer Anſtalt und deren Arbeit ein deutſcher Kaiſer hervorgegangen iſt.

Sie beſchäftigen ſich mit dem Studium der Antike. Legen Sie dabei den Hauptwert nicht auf die Einzelheiten des politiſchen Lebens; denn dieſe Verhältniſſe haben ſich ſo geändert, daß ſie nicht mehr auf die Jetztzeit übertragen werden können. Wohl mögen Sie an manchen großen Geſtalten und Charakteren des Altertums ſich erfreuen, doch einen beſonderen Vorzug hat das Griechentum, den kein anderes Volk aufzuweiſen hat: die Harmonie, an der es unſerer Zeit ſo ſehr fehlt, zeigt das Griechenvolk in der Kunſt, im Leben, in den Bewegungen, in den Koſtümen, ja ſogar in den Syſtemen der Philoſophie und in der Behandlung ihrer Probleme. Ganz beſonders empfehle Ich Ihnen zu leſen, was Chamberlain in der Einleitung zu ſeinen Grundlagen des 19. Jahr⸗ hunderts über dieſen Punkt in trefflicher Weiſe ſagt.

Und dann vor allem treiben Sie vaterländiſche Geſchichte und lernen Sie das Elend unſeres Volkes in den letzten Zeiten des Mittelalters, in den Kämpfen zwiſchen Staat und Kirche und zwiſchen den Fürſten und den Streit der Konfeſſionen im 30 jährigen Kriege kennen, wo unſer Volk zerſtampft wurde und verbraucht im Dienſte fremder Völker und Dynaſten, mit denen ſeine Intereſſen gar nichts zu tun hatten, bis auf den großen Zuſammenbruch zur Zeit Napoleons. Erſt 1870 hat den einheitlichen germaniſchen Staat uns wiedergebracht. Und wenn Sie ins politiſche Leben eintreten, halten Sie den Blick aufs Ganze gerichtet, unbeirrt durch die Partei. Denn dieſe ſchiebt ihre Intereſſen vor die des Vaterlandes und zieht häufig einen Vorhang zwiſchen Sie und das Vaterland. Und wenn Sie das politiſche Treiben zu verwirren droht, ſo rate Ich Ihnen für einige Zeit ſich zurückzuziehen, ſei es auf Reiſen, ſei es auf einem Spaziergang, und die Natur auf ſich wirken zu laſſen. Kehrt man dann zurück, ſo hat man einen freieren Blick über die realen Verhältniſſe. Wenn die Wogen einmal über Ihnen zuſammenſchlagen, wenn ſo manche Erſcheinungen der modernen Kunſt und Literatur verwirrend und niederziehend wirken, ſo können Sie immer wieder ſich emporrichten an jenen Idealen des Altertums.

Sie ſtehen vor dem Abgang zur Hochſchule. Da möchte Ich Ihnen noch einen Rat geben, den Sie nicht ſcherzhaft auffaſſen ſollen, ſondern der mir bitterer Ernſt iſt. Der Alkohol iſt eine Gefahr für unſer Volk, die Mir, glauben Sie es Mir, große Sorge macht. Ich führe 23 Jahre die Regierung und weiß aus den Schriftſtücken, die Mir durch die Hand gehen, wie viele Verbrechen durch den Alkohol herbeigeführt werden. Richten Sie den Blick auf ein Nachbarland: Die Amerikaner ſind uns hierin weit voraus. Auf den Univerſitäten dort wird Tüchtiges geleiſtet, wovon man ſich auch hier überzeugen kann, da ſo viele Studenten von dort zu uns kommen. Dort ſehen Sie bei den Vereinigungen und bei den großen akademiſchen Feſten z. B. bei Einführung eines Rektors, auf der ganzen Tafel keinen Wein; es geht auch da ohne. Wenn Sie die Univerſität beziehen, ſtählen Sie Ihren Körper durch Sport, auch durch den Kampf mit dem Rappier, was Ich keinem übelnehmen werde, durch Rudern, aber ſuchen Sie keinen Rekord aufzuſtellen, wer die größte Menge geiſtiger Getränke verſchlingen kann. Das ſind Sitten, die aus einer anderen Zeit ſtammen. Wenn Sie in den Korps und Verbindungen in dieſem Sinne wirken wollen, werde Ich Ihnen dankbar ſein. Wir haben jetzt andere Aufgaben als früher und müſſen nationalökonomiſche und finanzielle Kenntniſſe uns aneignen. Denn es gilt Deutſchland ſeine Stellung in der Welt, beſonders auf dem Weltmarkte, zu wahren. Dazu müſſen wir alle feſt zuſammenhalten.

Hiermit übergebe Ich Ihnen die Fahne. Der Primus Omnium, ſo nehme Ich an, wird ſie tragen und es als eine Ehre anſehen, daß er der erſte iſt, der ſie trägt.