Jahrgang 
1912
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Aus der Hand Seiner Majeſtät empfing der Primus Omnium Schirmer die Fahne, und der Direktor trat vor und ſprach:

Euer Majeſtät wollen allergnädigſt geſtatten, daß ich kurz den Gefühlen ehrfurchtsvollſten und wärmſten Dankes Ausdruck gebe, die uns beſeelen. Euer Majeſtät wollen überzeugt ſein, daß die Worte, die wir vernommen haben, auf fruchtbaren Boden gefallen ſind bei uns Lehrern wie bei den Schülern und daß wir uns darnach richten werden. In ganz beſonderem Sinne darf von Euer Majeſtät heute das Friedrichsgymnaſium ſtolz mit dem Dichter ſprechen:Er war unſer, er iſt unſer. Vollbewußt ſind wir uns, welche einzigartige Auszeichnung durch Euer Majeſtät Huld heute den Angehörigen des Friedrichsgymnaſiums zuteil geworden iſt, zumal uns, die wir die Ehre haben hier zu ſtehen. Deſſen uns nicht unwert zu zeigen, das iſt unſer innigſter Wunſch. Als am 18. Januar 1871 unmittelbar vor der Kaiſerproklamation im Schloßhofe zu Verſailles die Ehren⸗ kompagnie der Königsgrenadiere von dem ſiegreichen Könige gemuſtert wurde, da ſprach Euer Majeſtät hochſeliger Herr Großvater, deſſen ehrwürdiges Bild alle unſere Alaſſenräunde ſchmückt, zu dem Träger der blutbefleckten und zerfetzten Fahne die kurzen, inhaltvollen Worte:Halte ſie ja immer hoch! Nun dieſe Fahne hier und alles, was ſie bedeutet und verkörpert, Gottesfurcht, Treue zu Kaiſer und Reich, Liebe zu Heimat und Vaterland, Gehorſam, Zucht, Ehre, Pflichterfüllung in ernſter Arbeit wollen wir hochhalten, das geloben wir hier von neuem; Gott der Allmächtige aber ſchütze und ſegne Euer Majeſtät und das ganze Kaiſerliche Haus. Unmittelbar nach den letzten Worten des Direktors trat der Vorturner der Prima vor mit dem Ruf:Seine Majeſtät unſer allergnädigſter Kaiſer, König und Herr Hurra, hurra, hurra, in den Lehrer und Schüler begeiſtert einſtimmten.

Seine Majeſtät befahlen nun die Vorſtellung der Lehrer und ſprachen mit jedem derſelben ebenſo wie mit den Herren Oberregierungsrat Dr. Blanckenhorn, Erſtem Staatsanwalt Ganslandt, Oberlandesgerichtsrat Klepper, einſtigen Mitſchülern, in gnädigſter Weiſe, wendeten Sich, mehrfach ſcherzend, an die Schüler, deren jeder Namen und Heimat zu nennen hatte, und entließen mit freund⸗ lichem Hinweis auf zurecht geſtellte Erfriſchungen huldvoll die Verſammelten. Ihnen allen wird der Tag unvergeßlich ſein.

Die Fahne, ein Kunſtwerk der Bonner Fahnenfabrik, iſt von weißer Seide, und wie bei der Vorgängerin ſind auf der Vorderſeite in den Ecken das Reichs⸗, das preußiſche, das heſſiſche und das Caſſeler Wappen, in der Mitte die Anfangsbuchſtaben F und V der Namen der hochſeligen Eltern Seiner Majeſtät eingeſtickt, darüber der alte Wahlſpruch der Schule: ‚Ora et labora', links, darunter und rechts: ‚Lyceum Fridericianum Cassel; die Rückſeite trägt in einem Eichenkranz die Bezeichnung: ‚Prima.

Am 4. XI. überſandte das Geheime Zivilkabinett dem Gymnaſium die alte Fahne, nachdem auf Befehl Seiner Majeſtät des Kaiſers die Zeughausverwaltung die Inſtandſetzung in der üblichen Weiſe bewirkt hatte; die Fahne iſt dann in der Aula aufgehängt worden, gemäß der Beſtimmung Seiner Majeſtät. Noch eines Allerhöchſten Gnadenbeweiſes gedenken wir in ehrfurchtsvoller Dank⸗ barkeit:Seine Majeſtät der Kaiſer und König haben allergnädigſt geruht dem Friedrichsgymnaſium ein Kapital von 2000 Mk. zu bewilligen, deſſen Zinſen dazu beſtimmt ſind, alljährlich einem Schüler der Anſtalt den Beſuch des deutſchen Muſeums von Meiſterwerken der Naturwiſſenſchaft und Technik in München zu ermöglichen.(Erlaß des Herrn Miniſters vom 12. Februar. U II 10227.)

Am 31. V. befuche Herr Geheimrat Dr. Norrenberg, Vortragender Rat im Miniſterium, mit den Herren Geheimem und Oberregierungsrat Dr. Pähler und Provinzialſchulrat Kanzow Unterrichtsſtunden mehrerer Lehrer und des Direktors, am 26. VI. Herr Geheimrat Dr. Kaiſer als Leiter des pädagogiſchen Seminars eine Unterrichtsſtunde des Kandidaten Fiſcher, am 6. VII. Herr Provinzialſchulrat Kanzow eine ſolche des Kandidaten Siebold. Unter ſeinem Vorſitz fand am 5. IX. die Reifeprüfung ſtatt, am 1. III. unter dem Vorſitz des Direktors.

Am Sedantage und am 30. IX. zum Gedächtnis der verewigten Kaiſerin und Königin Auguſta anläßlich der hundertſten Wiederkehr ihres Geburtstages ſprach der Direktor, am Geburts⸗ tage Seiner Majeſtät des Kaiſers hielt Herr Israel die Feſtrede und gedachte zugleich des vor