Jahrgang 
1900
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dahin ſollte die Streitmacht des Gegners möglichſt von dem an Hülfs⸗ mitteln reichen Süden ab⸗ und in das engere Hinterland des Nordens gedrängt werden. Maßgebend aber vor allem war der Entſchluß, den Feind, wo man ihn traf, unverzüglich anzugreifen und die Kräfte ſo zuſammenzuhalten, daß es mit überlegener Zahl geſchehen könne. Durch welche beſonderen Maßnahmen dieſe Ziele zu erreichen ſeien, blieb der Entſchließung an Ort und Stelle vorbehalten, nur der erſte Vormarſch bis an die Landesgrenze war bis in das Einzelne im vor⸗ aus geregelt. Genau nach dieſem Plane hat ſich 1870 der Auf⸗ marſch unſerer Armeen vollzogen.Es wurden nach vorher⸗ gehender Verſtändigung mit den Militärbehörden der ſüddeutſchen Staaten für alle Truppenteile die Fahr- und Marſchtableaus ent⸗ worfen, für jeden der Einſchiffungsort, Tag und Stunde der Abfahrt, Dauer der Fahrt, Erfriſchungsſtation und Ausſchiffungspunkt feſtge⸗ ſtellt.... und als nun der Kriegsfall wirklich eintrat, bedurfte es nur der königlichen Unterſchrift, um die ganze gewaltige Bewegung ihren ungeſtörten Verlauf nehmen zu laſſen. Theoretiſch, vom ge⸗ ſchichtlichen Standpunkt aus, hatte ſich Moltke ſchon 1840 in einem Aufſatz mit der weſtlichen Grenzfrage beſchäftigt und dargethan,daß, wenn Frankreich und Deutſchland je mit einander abrechnen, alles Soll auf ſeiner, alles Haben auf unſerer Seite ſteht, zugleich die Hoffnung ausgeſprochen, Deutſchland werde in dieſem Falledas Schwert nicht eher in die Scheide ſtecken, bis uns unſer ganzes Recht geworden iſt, bis Frankreich ſeine ganze Schuld an uns bezahlt hat. Jetzt ward es ernſt. Die Frage nach der Weſtgrenze, vom Vater Arndt in ſeiner be⸗ rühmten Abhandlung: Der Rhein, Deutſchlands Strom, aber nicht Deutſchlands Grenze, von Miklas Becker in ſeinem feurigen Rhein⸗ lied:Sie ſollen ihn nicht haben, den freien deutſchen Rhein, ob ſie, wie gierige Raben, ſich heiſer danach ſchrein längſt nach dem Herzen und dem Willen des deutſchen Volkes klar und entſchieden be⸗ antwortet, dieſe Frage ward noch einmal aufgerollt. Über die Ur- ſachen des Krieges hat ſich Moltke folgendermaßen geäußert:ESin Mapoleon auf dem Thron von Frankreich hatte ſeinen Anſpruch durch politiſche und militäriſche Erfolge zu rechtfertigen. Nur eine Zeit⸗ lang befriedigten die Siege der franzöſiſchen Waffen auf fernen Uriegs⸗ ſchauplätzen, die Erfolge des preußiſchen Heeres erregten Eiferſucht, ſie erſchienen als Anmaßung, als Herausforderung, und man ver⸗ langte Rache für Sadowa. Die liberale Strömung des Zeitalters lehnte ſich auf gegen die Alleinherrſchaft des Kaiſers, er mußte Be⸗ willigungen zugeſtehen, ſeine Machtſtellung im Innern war geſchwächt,