Jahrgang 
1900
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und eines Tages erfuhr die Nation aus dem Munde ihrer Vertreter, daß ſie den Urieg mit Deutſchland wolle.

Ruchloſer iſt wohl nie ein Urieg entzündet worden als der von 1870, ſelten aber hat auch die Vergeltung grauſiger gewaltet. Un⸗ ermeßlich war der Waffenruhm, den Deutſchlands Söhne ſich auf Frankreichs Boden in heißem, blutigem Kampf erſtritten. Singen und ſagen wird man, ſo lange die grünen Fluten unſers Rheinſtroms zur Nordſee rauſchen, von König Wilhelm und den Helden allen; nicht zuletzt wird man den großen Schlachtenlenker preiſen: immer bleibt der Name Moltke mit der Geſchichte unſrer Kriege, unſrer Siege eng verbunden. Den Verlauf des großen Urieges von 1870/71 auch nur im Umriß hier zu ſchildern, muß ich mir verſagen. Wer kennt ſie nicht die Tage von Weißenburg, Wörth, Gravelotte, Sedan und wie ſie ſonſt noch heißen mögen! Deutſche Länder, einſt in Heiten deutſcher Ohnmacht geraubt vom zweiten Heinrich und vierzehnten Ludwig, wurden wieder unſer; endlich, endlich ging auch des Volkes Sehnſucht in Erfüllung: eine Kaiſerkrone ruhte auf dem Haupt des Hohenzollern.

Dankbarkeit war eine der erſten Tugenden unſers unvergeßlichen Uaiſers Wilhelm. Daß Moltke, der an den Ereigniſſen einen ſo mächtigen Anteil hatte, ſie in reichſtem Maße erfuhr, verſteht ſich ganz von ſelbſt. Noch in Verſailles, im Oktober 1870, in den Grafen⸗ ſtand erhoben, am Tage des Sinzugs in Berlin, dem 16. Juni 1871, zum General⸗Feldmarſchall gemacht, blieb der berühmte Ehrenbürger von ſiebzehn Städten doch der treue, ſchlichte Diener ſeines Königs, unverdroſſen ſeinen Pflichten lebend. Ruhigere Heiten kehrten für den Helden ein. Naturgemäß tritt die Thätigkeit eines Generalſtabschefs in Friedenszeiten wenig ſichtbar hervor; erſt ein zukünftiger Krieg wird zeigen, wie Moltke all die langen Jahre, die ihm Gottes Gnade ſchenkte, in ernſter Arbeit ſeine Dienſte dem Heere und ſomit dem Vaterlande widmete. Geliebt von ſeinen Freunden, hochgeachtet von ſeinen politiſchen Gegnern auch ſolche beſaß der große Feldherr als Mitglied des Reichstags, dem er ſeit Gründung des norddeutſchen Bundes als konſervativer Vertreter des oſtpreußiſchen Kreiſes Memel⸗ Heydekrug, ſeit 1881 als Alterspräſident angehörte, und wo er ſelten zwar, einundvierzigmal in vierundzwanzig Jahren, dann aber ſachlich, klar und meiſt erfolgreich ſprach, namentlich in nationalen und militäriſchen Fragen, geliebt und geachtet lebte er die Jahre hin, bald in Berlin, bald auf Generalſtabsreiſen, die er bis zum Jahre 1880 perſönlich leitete, bald ſeinen aiſer zu den herbſtlichen Manövern oder an befreundete Fürſtenhöfe begleitend ſo 1873 nach Peters⸗

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