Jahrgang 
1900
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Moltkes im hellſten Lichte zeigte. Das Verhältnis Preußens zu dſter⸗ reich war ſeit den gemeinſamen Thaten in Dänemark von Tag zu Tag geſpannter geworden. Der Vertrag von Gaſtein vom 14. Auguſt 1865, der Holſtein Oſterreich, Schleswig Preußen zur Verwaltung überwies, konnte wenig daran ändern; er zeigte mehr die Größe der Gefahr, als daß er ſie beſeitigte. Im Mai 1806 ſchrieb Moltke an ſeinen Bruder Adolf:Es iſt eine ernſte Zeit. Der Krieg iſt unvermeidlich. ... Die Geſchicke Deutſchlands werden ſich jetzt vollziehen. Der Sonderungstrieb, welchen ſeit Tacitus die Deutſchen bewahrt haben, führt zur Entſcheidung durch das Schwert. Es hat uns ein Ludwis XI. gefehlt, der die Macht der Vaſallen in Frankreich noch zur rechten Zeit zu brechen wußte. Es mag wohl wahr ſein, was die öſter⸗ reichiſchen Blätter behaupten, daß zwei Großſtaaten in Deutſchland nebeneinander nicht beſtehen können. Einer von beiden muß unter⸗ gehen.... Fünfzig Friedensjahre haben gezeigt, daß bei dem un⸗ praktiſchen, immer nur auf die Phraſe hinauslaufenden Sinn der Deutſchen es zu einer Einigung auf dem Wege friedlicher Verſtändigung niemals kommen wird.... Möge Gott uns den Sieg verleihen, denn mit Preußen fällt Deutſchland.

Durch den auf Oſterreichs Betreiben gefaßten Beſchluß des Bundestags vom 14. Juni 1806, die nichtpreußiſchen Korps der Bundesarmee mobil zu machen gegen Preußen, war der Arieg ge⸗ geben. Leider wars ein Bruderkrieg. Deutſche ſtanden gegen Deutſche. So nur, will es ſcheinen, war die Löſung der deutſchen Frage möglich, die ja ſchon der große Friedrich geſtellt hatte, der Frage nämlich, ob Oſterreich oder Preußen Deutſchlands wahrer Führer ſei. Über den Gang der folgenſchweren Ereigniſſe von 1806 hat ſich Moltke in ſeiner Selbſtbiographie alſo ausgeſprochen:Erſt in meinem 66. Lebensjahre iſt mir das Glück geboten worden, thätigen Anteil an einem Feldzuge zu nehmen, welcher für die Zukunft Preußens wie Deutſchlands von entſchiedenem Erfolge geworden iſt. Nächſt Gottes Willen und der Tapferkeit der Truppen und ihrer Führer ſind für den Ausgang der Sache zwei Rückſichten entſcheidend geworden, die urſprüngliche Verteilung der diesſeitigen Streitkräfte auf den ver⸗ ſchiedenen Kriegstheatern und ihre Verſammlung auf dem Schlacht⸗ felde. Offenbar war Oſterreich der mächtigſte und der bereiteſte Gegner; mit ſeiner Niederwerfung mußte das Bündnis aller übrigen Feinde auseinanderfallen, die zwar gegen Preußen einig, unter ſich aber un⸗ einig und ohnehin noch nicht verſammelt waren. Es war eine kühne, aber entſcheidende Maßregel, daß gleich anfangs alle neun Armee⸗