Jahrgang 
1900
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meinen aus.. Als Anerkennung für ſeine Verdienſte um das türkiſche Heerweſen empfing Moltke den Niſchan⸗Orden in Brillanten. Ende April, im Mai und Anfang Juni begleitete er den Sultan auf einer ſechswöchigen Reiſe nach Varna, Schumla, Siliſtria, Ruſtſchuk, Tirnowa, von da über den Schipkapaß nach Kaſanlik, Adrianopel und zurück zum Goldnen horn. Von Kaſanlik, der berühmten Roſenſtadt, ent⸗ wirft Moltke ein farbenprächtiges Bild:Das ganze Thal von Kaſanlik iſt ein Bild des geſegnetſten Wohlſtandes und der reichſten Fruchtbar⸗ keit, ein wahres gelobtes Cand; die weiten Felder ſind mit mannshohen, wogenden Halmen, die Wieſen mit zahlloſen Schaf⸗ und Büffelherden bedeckt. Dabei hängt der Himmel voll dicker Gewitterwolken, die ſich um die Schneegipfel der Berge auftürmen, um die Fluren von Heit zu Zeit zu begießen; zwiſchendurch funkelt die glühende Sonne, um ſie wieder zu erwärmen; die Luft iſt von Wohlgerüchen erfüllt, und das iſt hier nicht bildlich wie gewöhnlich in Reiſebeſchreibungen, ſondern ganz buchſtäblich zu nehmen. Naſanlik iſt das Kaſchmir Europas, das türkiſche Gülliſtan, das Land der Roſen; dieſe Blume wird hier nicht wie bei uns in Töpfen und Gärten, ſondern auf den Feldern und in Furchen wie die Kartoffel gebaut. Nun läßt ſich wirklich nichts Anmutigeres denken als ſolch ein Roſenacker; wenn ein Dekorations⸗ maler dergleichen malen wollte, ſo würde man ihn der Übertreibung anklagen; Millionen, ja viele Millionen von Centifolien ſind über den lichtgrünen Teppich der Roſenfelder ausgeſtreut, und doch iſt jetzt viel⸗ leicht erſt der vierte Teil der Knospen aufgebrochen. Nach dem Koran entſtanden die Roſen erſt während der nächtlichen Himmelfahrt des Propheten, und zwar die weißen aus ſeinen Schweißtropfen, die gelben aus denen ſeines Tiers, die roten aus denen des Gabriel; und man kommt in Kaſanlik auf die Vermutung, daß wenigſtens für den Erz⸗ engel jene Fahrt ſehr angreifend geweſen ſein muß.

Ende Auguſt kamen zu Moltkes größter Freude drei weitere preußiſche Offiziere, die Hauptleute von Vincke, Fiſcher und von Mühlbach, ſpäter auch hauptmann Laue, in Konſtantinopel an. Unter Leitung des Rangälteſten, des Freiherrn von Vincke, unterzogen ſich die vier Offiziere mit Eifer und Sachkenntnis der ſchwierigen, durch Unver⸗ ſtand, Schlendrian und Mißtrauen in unglaublicher Weiſe gehemmiten Aufgabe der Organiſation und Ausbildung der türkiſchen Armee, deren Durchführung ein glänzendes Zeugnis ablegte für die Höhe der geiſtigen, militäriſchen und Charakterbildung preußiſcher Generalſtabsoffiziere. Im September und Oktober machten Moltke, der nun ſchon zum dritten Male den Balkan überſchritt, und ſeine Gefährten im Auftrage