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mächtigen Staatskörpers ſind abgeſtorben, das ganze Leben hat ſich auf das Herz zurückgezogen, und ein Aufruhr in den Straßen der Hauptſtadt kann das Leichengefolge der osmaniſchen Monarchie werden. Die Zukunft wird zeigen, ob ein Staat mitten in ſeinem Sturze ein⸗ halten und ſich organiſch erneuern kann, oder ob dem mohammedaniſch⸗ byzantiniſchen Reiche wie dem chriſtlich⸗byzantiniſchen das Schickſal beſtimmt iſt, an einer fiskaliſchen Verwaltung zu Grunde zu gehen.“ Aus der politiſchen Lage des Landes ergab ſich für Moltke die Forde⸗ rung eines eignen Heeres, daran aber ſchloß ſich mit Notwendigkeit die einer geordneten Verwaltung in allen Zweigen, vor allem einer ehrlichen Beamtenwelt.„Das, was von den Steuern eingeht— heißt es in dem erwähnten Briefe— bereichert nur die, welche ſie er⸗ heben. Die Reichtümer verſchwinden vor dem Blick einer habgierigen Verwaltung, und der Beherrſcher der ſchönſten Länder dreier Weltteile ſchöpft mit dem Faſſe der Danaiden..... Die Ge⸗ ſchenke ſind, wie im ganzen Orient, ſo auch hier allgemein üblich. Ohne ein Geſchenk darf der Geringere ſich dem Höheren nicht nahen; wer Recht bei ſeinem Richter ſucht, muß eine Gabe mitbringen. Be⸗ amte und Offiziere empfangen Trinkgelder; aber wer am meiſten ge— ſchenkt nimmt, iſt der Großherr ſelbſt.“ Auch andre Arbeiten beſchäftigten den ſtrebſamen Offizier. So die Aufnahme des Bosporus und ſeiner Ufer, ein Plan von Konſtantinopel und Umgebung, die Anfertigung einer Anzahl von Feſtungsplänen und anderes mehr. Dienſtliche Reiſen nach den Dardanellen, nach Varna, Bruſſa, Troas, Smyrna bereicherten ſein geographiſches Wiſſen, ſchärften den Blick für die Ortlichkeit und ihren Zuſammenhang miit Strategie und Taktik. Auch das Unſchein⸗ bare entging nicht Moltkes Adlerblick; irgend eine Beziehung zum lebendigen Leben hatten für ihn ſelbſt die toten Trümmer der Ver⸗ gangenheit.
So ſchwand das Jahr 1836 dahin. Raſch war der milde Winter, den Moltke in Bujukdere, zwei Meilen nördlich von der Hauptſtadt, verlebte, vorüber. Im Dezember beſuchte er ſeinen Gönner Chosref Paſcha, der durch die Umtriebe ſeines ehemaligen Sklaven Halil, den er zum Schwiegerſohn des Sultans gemacht hatte, geſtürzt, in Emirgjon am Bosporus einſam und ganz nach alttürkiſcher Weiſe ſeine alten Tage verbrachte. Im Januar 1857 durfte Moltke zum erſten Male in feierlicher Audienz vor dem Großherrn erſcheinen.„Der Großherr — ſagt Moltke— äußerte ſich anerkennend und dankbar über die vielen Beweiſe von Freundſchaft, welche er von unſerem König em⸗ pfangen, und ſprach ſich ſehr günſtig über preußiſches Militär im allge⸗
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