Jahrgang 
1900
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Mehmet Chosref die Reform in ſeinem geheimſten Innern mit der tiefſten Ironie behandele; aber ſie iſt ihm das Mittel zur Macht, und Macht iſt die einzige wahre, ungebändigte Leidenſchaft dieſes Greiſes. Der junge preußiſche Hauptmann konnte dem Seraskier von Nutzen ſein. Auf Wunſch der türkiſchen Regierung wurde Moltkes Urlaub von Friedrich Wilhelm III. um drei Monate verlängert, dann trat er im Juni 1856 zur Organiſation und Inſtruktion der türkiſchen Armee auf unbeſtimmite Zeit in die Dienſte der Pforte ein. Als Müſteſchar, d. i. militäriſcher Ratgeber des Seraskiers, arbeitete Moltke zunächſt eine Denk⸗ ſchrift aus über die Umbildung des türkiſchen Heeres. Michts war not⸗ wendiger.Die jetzige türkiſche Armee ſagt Moltke iſt ein neuer Bau auf einer alten, gänzlich erſchütterten Grundfeſte. Die unglück⸗ lichſte Schöpfung war die eines Heeres nach europäiſchen Muſtern, mit ruſſiſchen Jacken, franzöſiſchem Reglement, belgiſchen Gewehren, türkiſchen Mützen, ungariſchen Sätteln, engliſchen Säbeln und In⸗ ſtrukteurs aus allen Nationen; zuſammengeſetzt aus Lehnstruppen oder Timarioten, aus Linientruppen mit lebenswieriger und Landwehren mit unbeſtimmter Dienſtzeit, in welchem die Führer Rekruten, die Re⸗ kruten kaum beſiegte Feinde waren. Moltke hatte bei ſeinen Reorganiſationsplänen Rückſicht zu nehmen auf das preußiſche Wehr⸗ ſyſtem. Ihm war natürlich klar, daß dieſes für die Türkei mit ihren völlig anders gearteten Verhältniſſen ungeeignet ſei. Entſtanden in der Zeit der Schmach und Not, ſtellte es die größten Anforderungen an die körperlichen, geiſtigen und ſittlichen Kräfte des Soldaten und verlangte von ihm ein höchſtes Maß von Vaterlandsliebe, Gehorſam, Opferwilligkeit und Königstreue. All dies kennt der Türke nicht; obwohl tapfer aus religiöſem Fanatismus und vor allem islamitiſchem Fatalismus, fehlt ihm die Beharrlichkeit, die auch im Unglück Treue um Treue gibt.

Die Beſchäftigung mit den militäriſchen Reformen führte Moltke zum Studium der kulturellen, politiſchen und ſozialen Verhältniſſe des Landes. Nichts Erfreuliches zeigte ſich ſeinen Blicken. Überall waren die Grundlagen des Staates faul und brüchig. Gewerbe und Ackerbau, Induſtrie und Handel lagen darnieder; das wirt⸗ ſchaftliche und geiſtige Leben ſchmachtete in den Feſſeln des Korans. Moltke erkannte und ſprach es im April 1836 in einem Briefe aus: Die osmaniſche Monarchie iſt heute in der That ein Aggregat von Uönigreichen, Fürſtentümern und Republiken geworden, die nichts zu⸗ ſammenhält als die lange Gewohnheit und die Gemeinſchaft des Koran. In demſelben Briefe ſagt er:Die äußeren Glieder des einſt ſo