Jahrgang 
1900
Einzelbild herunterladen

Uonſtantinopel ſoll ich Dir den Fauber ſchildern, welcher uns jetzt empfing. Aus dem rauhen Winter waren wir in den mildeſten Sommer, aus einer Einöde in das regſte Leben verſetzt. Die Sonne funkelte hell und warm am Himmel, und nur ein dünner Nebel um⸗ hüllte durchſichtig den feenhaften Anblick. Zwei Monate ſpäter heißts in einem Briefe aus Arnaut⸗Ujéôi am Bosporus, wo Moltke ſeit Februar 1856 wohnte:Winter und Sommer ſehen ſich in dieſem Lande ähnlicher als bei uns; die Pinien, die Cypreſſen, der Lorbeer und Oleander wechſeln ihr Laub nicht. Spheu umrankt die Fels⸗ wände, Roſen blühen das ganze Jahr hindurch, und friſches Grün bedeckt ſchon jetzt die Berge, wo der warme Hauch des Südwinds den Schnee verſchwinden läßt. Die plätſchernden Wellen des Bosporus erfreuen das Auge mit ihrem tiefen Blau, und die warme Sonne funkelt am wolkenloſen Himmel. Moltke wurde Mitte Dezember von dem preußiſchen Geſandten bei Mehmet Chosref Paſcha, dem Seraskier, d. i. Mriegsminiſter und Oberbefehlshaber des osmaniſchen Heeres, eingeführt. Über dieſen Beſuch ſchreibt er:Der Seraskier führte die Unterhaltung durch das Medium eines Dragomans mit vieler Jovialität und Ungebundenheit. Er richtete auch einige Fragen an mich über das preußiſche Landwehrweſen, welche zeigten, daß er ſich wohl mit dieſem Gegenſtande beſchäftigt hatte, und rühmte ſehr die Vortrefflichkeit unſerer Militäreinrichtungen. Intereſſant iſt die Schilderung, die Moltke von dieſem Manne gibt:Mehmet Chosref Paſcha iſt nächſt dem Großherrn der mächtigſte Mann im Reiche. In ſeiner Erſcheinung hat er wohl nicht ſeines Gleichen in der Welt. Stelle Dir einen Greis von nahe an achtzig Jahren vor, der die ganze Lebendigkeit, Rührigkeit und Laune eines Jünglings bewahrt hat. Das ſtark rote Geſicht mit ſchneeweißem Bart, eine große ge⸗ bogene Naſe und auffallend kleine, aber blitzende Augen bilden eine markante Phyſiognomie, die durch die rote, über die Ohren herab⸗ gezogene Mütze nicht verſchönert wird. Der große Kopf ſitzt auf einem kleinen, breiten Uörper mit kurzen, krummen Beinen. Der Anzug dieſes Generals beſteht in einer blauen Bluſe ohne alle Ab⸗ zeichen, weiten Pantalons und ledernen Strümpfen. Bald wurde Moltke in die Intereſſen dieſes ſeltſamen Mannes hineingezogen. Der Seraskier hatte ſich durch ſeine ungewöhnliche Gewandtheit fünf⸗ unddreißig Jahre in den höchſten Staatsämtern zu behaupten gewußt. Er war die rechte Hand des Sultans, deſſen Reformen er, wenn auch nicht mit dem Herzen, ſo doch aus Berechnung unterſtützte.Mir kommt es manchmal vor ſagt Moltke, als ob der Seraskier