Jahrgang 
1900
Einzelbild herunterladen

14

von Breslau auf und begab ſich in Begleitung des Leutnants von Berg über Wien, Peſt, Belgrad, Bukareſt, Ruſtſchuk, Schumla, Adrianopel nach dem alten Byzanz, wo er nach mühſamer Reiſe zu Schiff, zu Wagen und zu Pferd Ende November eintraf und vom preußiſchen Geſandten, dem Grafen Uönigsmarck, freundlich aufge⸗ nommen wurde.

Auf dem wankenden Throne der Osmanen ſaß damals Mahmud II., nicht ohne Talent, aber finſter und grauſam. Griechen⸗ land hatte ſich eben nach unmenſchlichen Mämpfen mit fremder Hülfe frei gemacht; die Donauſtaaten hatten das Band gelockert, das ſie mit Byzanz verknüpfte; in allen Fugen wankte das Türkenreich. Ohne allen Zweifel iſt der Halbmond im Erbleichen. Wenn es zu⸗ weilen ſcheinen will, als flackere ſein fahles Licht noch einmal höher, ſo ſinds nicht eigne, ſondern fremde Kräfte, die in wohlverſtandenem Selbſtintereſſe dem Türken noch ein Weilchen. Halt verleihen. Aber dieſe können das Sterben des kranken Mannes nur verzögern, nicht verhindern; einſt wird kommen die Stunde, wo die grüne Fahne des Propheten in den Staub ſinkt, und der weiße Zar, mag er nun heißen, wie er will, am blauen Bosporus das Teſtament des großen Peter vollſtreckt. Damals nun, als Moltke in die Türkei kam, gedachte Sultan Mahmud, der ein Jahrzehnt zuvor die Ianitſcharen, die Prätorianer des Islam, jene heimatloſe, fanatiſch⸗grauſame Arieger⸗ kaſte, die Thron und Leben der Sultane mehr bedrohten als beſchützten, blutig vernichtet hatte, durch umfaſſende Heeres⸗ und Verwaltungs⸗ reformen nach abendländiſchen Muſtern das ſinkende Reich zu ſtützen und die Sinbuße an räumlichem Umfang durch ſittliche Kraft zu erſetzen. Er wußte nicht, daß jede Theokratie, will heißen Prieſter⸗ herrſchaft, und das iſt das Sultanat, unfähig iſt zu organiſchen Reformen; dieſe duldet der Koran nicht und das heer der Prieſter, das die Suren Muhameds ängſtlich bewacht.

In dieſem Augenblicke langte Moltke in Uonſtantinopel an. An der Schwelle zweier Erdteile, Grenzwacht haltend, liegt Byzanz, die wunderſame Stadt mit ihrer heidniſch⸗chriſtlich⸗islamitiſchen Vergangen⸗ heit, ein ſeltſames Gemiſch von morgenländiſcher Unkultur und abend⸗ ländiſchem Firnis. Wunderbar iſt die Lage am Goldnen Horn. Drüben winkt die Wiege der Menſchheit, Aſien, grüßend herüber; nordwärts gehts durch den Bosporus in den Pontus Euxinus, das gaſtliche Meer, ſüdwärts durch die Dardanellenſtraße zur griechiſchen Inſelwelt. Moltke ließ den Reiz dieſer ſonnigen Landſchaft ganz auf ſein empfängliches Gemüt einwirken.Wie ſo ſchreibt er Anfang Dezember aus