Jahrgang 
1897
Einzelbild herunterladen

9

ſtanden unter einem Dechauten ¹) und verſahen den Dienſt in der Hauptkirche mit den ſechs darin geſtifteten Altären, in der Hospital⸗ und Schloßkapelle, ſowie in Mittelbuchen²). Nachdem die Reformation in Hanan Wurzel geſchlagen, löſte ſich das Kapitel allmählich auf. Im Jahre 1436 noch vollzählig, war es vierzehn Jahre ſpäter verwaiſt, und ſo hörte 1550 die katholiſche Meſſe in der Marienkirche auf. Philipp III. nahm in den Jahren 1558 61 einen gänzlichen Umbau des Schiffes der Kirche, die damals ihre jetzige Ausdehnung erhielt, vor und beſeitigte zugleich die Erinnerungen an den katholiſchen Kultus: die Bilder und Altäre der Heiligen die Reliquienſchreine und Kreuze; nur der Hauptaltar blieb beſtehen.

Innerhalb des Weichbildes ihrer Stadt ſcheinen die Bewohner Hanaus nie einen Friedhof beſeſſen zu haben ³): ihre Toten beſtatteten ſie bis zum Jahre 1633 auf dem Gottesacker des Kinzdorfs, der bei der Frauenkirche gelegen war).

Wahrſcheinlich ſchon zu Beginn des 14. Jahrhunderts wurde die junge Stadt mit Mauer und Graben, Türmen und Thoren verſehen. Der Grundriß der alten Stadtmauer, die eine Höhe von zwei niedrigen Stockwerken, eine Dicke von faſt 1,5 m hatte, und von der ſich, dank ihrer Feſtigkeit, noch zahl⸗ reiche bedeutende Überreſte vorfinden, bildete ein nach Norden ſich verjüngendes Siebeneck. Am Schloß⸗ graben und zwar da, wo die erſt im vorigen Jahrhundert erbaute Reitbahn ſteht, beginnend, führte die Mauer ſüdlich in gerader Linie bis zu dem kreisrunden Hexenturm an der Ecke der Judengaſſe. Dieſe Oſtfront war gegen 200 m lang und hatte eine, im Hofe der Steuerkaſſe noch ſichtbare kleine Pforte, ſowie am Ausgang der Badergaſſe jedenfalls einen halbrunden Turm. Die anſtoßende Südſeite war, von dem öſtlichen Teil abgeſehen, ebenfalls geradlinig und nahezu 200 m lang. Sie reichte vom Hexen⸗ turm bis zur Marktgaſſe, wo ſich an derSonne, dem ehemaligen Hospitals, ein größerer, vierſeitiger Turm mit dem Kinzdorfer oder Kinzthor befand, und war wahrſcheinlich mit zwei Türmen verſehen, die als Warten und Unterkunfträume für Wachen dienten. Vom Kinzigthor bis zum Metzgerthor oder Katzenturm lief die hier faſt vollſtändig erhaltene Mauer erſt in nordöſtlicher, dann in faſt nördlicher Richtung. Auch dieſe 120 m lange Strecke war mit einem halbrunden Turm geziert, der 1731 ſeine Steine zum Bau des Neuſtädter Rathauſes hergeben mußte. Von der Metzgergaſſe behielt die Mauer auf 180 m ihre nördliche Richtung bei, bildete am weſtlichen Ende der Erbſengaſſe einen ſtumpfwink⸗ ligen Vorſprung, eine Art Eckturm, und wandte ſich darauf, 80 m lang, bis zur Reuterei nach Nordoſt, dann faſt nach Oſt, um mit dem Waſſerturm am Schloßgraben zu enden.

¹) Von der Wohnung des Dechanten(decanus), die wahrſcheinlich an der Stelle des heutigen Gymnaſiums lag, hat die Dechaneigaſſe ihren Namen.

²) Die zwölf Geiſtlichen zerfielen in ſechs Kanoniker und ſechs Vikarien; jene bekleideten die Würden eines rector, cantor, scholasticus(Schulmeiſter), plebanus(der eigentliche Pfarrer), campanator(Glöckner), fabricarius(Baumeiſter, Rechnungsführer), dieſe waren Präbendaten und Benefiziterten der geſtifteten Altäre.

³) Im Jahre 1322 wird ein eymiterinm, ein Kirchhof, der Hanauer Kirche erwähnt; über ſeine Lage iſt nichts geſagt, und iſt wohl der Friedhof von Kinzdorf gemeint. Siehe Reimer, H. U. II. No. 238.

) Dieſer Kirchhof, nach Sturio 1606wegen der vilheit der ſierbenden in beyden ſtetten(Peſt!) erweitert, wurde 1633 geſchloſſen, nachdem die Frauenkirche, der Reſt des Dörfleins, die zuletzt als Totenkapelle gedient, ſchon 1632 einer Schanze hatte weichen müſſen, und am 10. März genannten Jahres vor dem Frantkfurter Thor der neue Kirchhof der Altſtadt eingeweiht. Die Neuſtädter beerdigten ihre Toten bis 1609 ebenfalls nach Kinzdorf; am 27. Juni 1609 eröffneten ſie ihren eigenen Friedhof vor dem Kanalthor. Am 24. Juni 1846 wurden dieſe beiden Friedhöfe geſchloſſen und am folgenden Tage der neue im Oſten Hanaus in gemeinſamen Gebrauch genommen, auf daß im Tode nicht getrennt ſei, was im Leben eins geworden. Wann der jüdiſche Friedhof angelegt wurde, entzieht ſich unſrer Kenntnis, vermutlich gleichzeitig mit der Erbauung der Judengaſſe(1604).

) Geſtiftet von Ulrich II. um 1330; erwähnt zum Jahre 1337 bei Reimer, H. U. II. No. 482.

2