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ihrer älteſten Form bereits um 1250 beſtanden haben. Die Mutterkirche dieſer Hanauer Kapelle war die benachbarte, 1338 zuerſt erwähnte Kirche„zu unser frawen gein Kynczedorff“ ¹), die Frauenkirche, wie ſie allgemein genannt wurde. Dorthin, nach Kinsdorf ²), waren die Bewohner Hanaus eingepfarrt, und obwohl ſchon 1342 ein Pfarrer zu Hanau ⁵), im folgenden Jahre ein ſolcher ſamt ſeinen Geſellen ⁴), 1364 ſogar ein Pfarrer mit fünf Geſellen erwähnt wird ⁵), wurde die Kirche zu Hanau doch erſt 1434 von Graf ⁶) Reinhard II. zur Hauptkirche gemacht?); aber noch 1460 ward der in Hanau wohnende Prieſter Wenzechin ein„Pfarrer der Pfarrkirche Kyntzdorff in Hanauwe“ genannt. Reinhard⸗II. ver⸗ größerte 1449 Chor und Schiff der Kirche und ward 1451 als erſter in dem Erbbegräbnis unter dem Chor beſtattet⁵); 1453 wurde der Anbau vollendet. Reinhards Enkel, Philipp d. Jüngere, erweiterte von 1474 an die Kirche und gab dem Chor ſeinen jetzigen Umfang; 1487 wurde er mit fünf Altären eingeweiht. Dann wandte ſich der Graf an Papſt Alexander VI.(1492—1503) mit der Bitte, die Hanauer Kirche zu einem Kollegiatſtift zu erheben. Dieſem Wunſche willfahrte der Papſt 1493), und die Kirche hieß von da an„das Stift zu St. Maria Magdalena in Hanau“. Zwölf Chorgeiſtliche
genügt. Das castrum in dem engeren Sinne„Burg“ zu nehmen und die von Reinhard erteilte Bauerlaubnis auf die Burgkapelle beziehen zu wollen, halte ich für verfehlt.
¹) Junghans(Kurze Geſchichte des Kreiſes und der Stadt Hanau ꝛc. S. 153) hat die Urkunde des Jahres 793, die er für das hohe Alter der Kinzdorfkirche geltend machen möchte, nicht richtig geleſen; ſeine Schlußfolgerung iſt daher hinfällig. Vergl. Reimer, H. U. I. No. 9.— Reimer dürfte allerdings auch im Irrtum ſein, wenn er die dort genannte Marienkirche unter die Schenkungen Wolfbodos rechnet(basilicam iſt wohl abhängig von inter, nicht von dono!).
²) Kinzdorf lag ſüdlich von Hanau, in dem Winkel zwiſchen Main und Kinzig, die damals weiter öſtlich mündete; ſein Name lebt noch in der dortigen Feldflur fort. Wann der Ort entſtanden iſt, iſt unbekannt; erwähnt wird er erſt 1338(Reimer, H. U. II. No. 514). Wann er eingegangen, ob durch Krieg oder Waſſerfluten, iſt nicht mit Sicherheit zu ermitteln; nach den einen ging er 1564, nach andern erſt 1590 durch Ueberſchwemmung unter. Kinzdorf ſcheint auch in bürgerlicher Beziehung für Hanau von Bedeutung geweſen zu ſein, inſofern als ſchon frühzeitig Leute von dort nach dem mauergeſchützten Hanau zogen und von hier aus ihr Feld bebauten.— In Bezug auf den früheren Lauf der unteren Kinzig iſt zu bemerken, daß dieſelbe in römiſcher Zeit und im Mittelalter etwa von der Kinzigbrücke an durch das Milch nach Südoſten gefloſſen ſein muß und an der Stelle des heutigen Mainkanals in den Main mündete. Nur ſo iſt der Name„Kinzdorf“ erklärlich; nur ſo die Anlage der römiſchen Mainbrücke zwiſchen der jetzigen Kinzigmündung und dem Mainkanal verſtändlich; nur ſo auch die ehemalige Ausdehnung der Keſſelſtädter Ge⸗ markung bis zum Mainkanal und die Erhebung des ſchon 1362 erwähnten Mainzolls als des„Zolls zu Keſſelſtadt“(Neimer, H. U. III. No. 400 und 611) topographiſch begründet. Offenbar hat die Stoßkraft des Mains die Kinzigmündung flußabwärts verſchoben. Siehe hierüber die Angaben Suchiers in den„Mittheilungen des Hanauer Bezirksvereins für heſſiſche Geſchichte und Landeskunde an ſeine Mitglieder für 1892.“ S. 37 ff.
²) Reimer, H. U. II. No. 607.— Er führte den Prieſter Heinrich Hagdorn in Kinzdorf in ſein Amt ein.
*) Reimer, H. U. II. No. 698.— Unter den„Geſellen“ haben wir die Kapläne der Schloß⸗ und Hospitalkirche zu verſtehen.
⁵) Reimer, H. U. III. No. 480.— Die fünf Geſellen waren: der Frühmeſſer, die Kapläne zu Kinzdorf, in der Burg,
im Spital und„zu sent Torothen geyn dem frnwen aldar ubir“.
⁶) Den Grafentitel führten die Herren von Hanau ſeit 1429.
*) Trotzdem ließ Reinhard III. 1449 ſeinen Sohn Philipp in der Kirche des Kinzdorfs taufen, ebenſo Reinhard IV. 1499 ſeinen Sohn Berthold.
³) In dieſem Erbbegräbnis ruhen die Hanau⸗Münzenberger Grafen bis auf Philipp Ludwig I.; Philipp Ludwig II. und ſeine Nachfolger fanden in der von ihm unter dem Chor am öſtlichen Ende der Kirche erbauten Gruft die letzte Ruhe, während die drei Lichtenberger in der Johanneskirche begraben ſind. Siehe Anlage I die Fußnote zu Johann Reinhard III.
³) Die vom erzbiſchöflichen Kommiſſar, Erzbiſchof Berthold von Mainz, darüber ausgeſtellte Urkunde datierte 1. Oktober 1493 von Mecheln und koſtete 201 Gulden 19 Schillinge.


