— 10—
Die Geſamtlänge der Stadtmauer betrug demnach gegen 800 m. Der von ihr und der Burg eingeſchloſſene Flächenraum belief ſich auf rund vier Hektar und enthielt 180 bis 200 höchſtens zwei⸗ ſtöckige Häuſer, ſo daß man die Zahl der Einwohner beſten Falls zu 1000— 1200 annehmen kaun ¹).
Vor der Mauer lag ein Graben, der aus der Kinzig geſpeiſt wurde. Er war an den Thoren überwölbt und wurde ſpäter bei der allmählichen Erweiterung der Stadt teils zugeſchüttet, teils übermauert*).
Schon früh muß, beſonders zur Zeit der Frankfurter Meſſen ¹), ein lebhafter Verkehr durch das Kinz⸗ und Metzgerthor und über die ſchon 1454 vorkommende hölzerne Kinzigbrücke ⁴) ſtattgefunden häben, und ſo kam es, daß außerhalb der Mauer, weſilich von der Stadt, Auſiedlungen längs der großen Heer⸗ ſtraße entſtanden. Dieſe ſog. Vorſtadt, die in den Spitalsrechnungen ſeit 1470 erwähnt wird, reichte vom Metzgerthor bis in die Nähe des neuen, bald nach 1500 erbauten Spitals 5).
Im Jahre 1528 wurde die Stadt von Philipp II. auch nach Süden und Südweſten erweitert, ſowie ſamt dem Schloß demnächſt(1528— 31) von Balthaſar, dem Vormunde Philipps III., mit Feſtungs⸗ werken, Wall und Graben, umgeben, in die nicht nur Bangert⸗ und Hospitalgaſſe, ſowie die dem jetzigen Paradeplatz zugekehrten Häuſer, ſondern auch die 1525 von den Antonitern gekaufte Herrenmühle ⁵) unter dem Namen der Mühlſchanze hineingezogen wurden*). An die Stelle der alten Thore traten zwei andere: das Neuthor am Salzmagazin und das ſchon 1498 erbaute Spitalthor am neuen Spital 5).
Solchen Umfang und ſolch Ausſehen hatte die Reſidenz Hanau'), als Philipp Ludwig II. 1595 die Regierung antrat. Ihm gebührt das Verdienſt, durch Erbauung der Neuſtadt Hanau nicht nur um faſt das Dreifache ſeiner früheren Größe erweitert, ſondern auch ſeine ganze Entwicklung auf eine breitere wirtſchaftliche Baſis geſtellt zu haben.
II. Graf Philipp Ludwig II.(1580—1612).
„Ein echter Hanauer muß ſeinen Graf Philipp Ludwig ſo gut kennen und noch beſſer, als er von fremden Potentaten und Weltſtürmern, wie Napoleon einer war, zu erzählen weiß. Ja, das war ein Herr, wie es wenige gibt! Geſcheut und fein gebildet in allerlei Künſten und Wiſſenſchaften, wie
¹) Dieſe Zahl iſt nicht zu gering gegriffen, wenn man erwägt, daß faſt die Hälfte der Stadt herrſchaftlicher oder geiſilicher Beſitz war.
²) Reſte dieſes Grabens ſind, wenn auch nicht äußerlich ſichtbar, noch an verſchiedenen Stellen der Altſtadt erhalten.
³) Die Frankfurter Herbſtmeſſe wird, obwohl ſie jedenfalls weit älter iſt, zuerſt in einem Gunſtbrief Friedrichs II. (1212— 50) im Jahre 1240 erwähnt; die Oſtermeſſe(früher Faſtenmeſſe) wurde erſt 1330 durch Kaiſer Ludwig d. Bayern (1314—47) geſiattet.
⁴) Sie wurde 1556 unter Philipp III. von Hanau durch eine ſteinerne Brücke erſetzt.
⁵) Es wurde 1505 vollendet. 4
⁴) Sie war 1280 von Reinhard I. den Antonitern von Roßdorf geſchenkt worden. Siehe Reimer, H. U. I. No. 592.
¹) Zur Mühlſchanze führte das 1535 angelegte, aber erſt 1615 vollendete Rote oder Wallthor.
³) über Topographie und Kulturzuſtände Alt⸗Hanaus vergl. Suchier, Hanau vor 400 Jahren und: Hanauer Kultur⸗ zuſtände im 15. Jahrhundert. In den„Mittheilungen des Hanauer Bezirksvereins für heſſiſche Geſchichte und Landeskunde an ſeine Mitglieder pro 1885.“ S. 50 ff. u. S. 57 f. 1
⁴) Erſt im Jahre 1436 verlegten die Grafen von Hanau(Reinhard II.) ihre Reſidenz nach Hanau, während ſie bis dahin auf der Burg zu Windecken(Wulo)nnecken, das alte Tezelnheim), das Reinhard I. 1262 ſamt Oſtheim von dem Erzbiſchof Berthold von Bamberg gekauft(Reimer, H. U. I. No. 384), ihren Wohnſitz hatten. Windecken erhielt früher als Hanau, ſchon 1288, von Rudolf von Habsburg(1273— 91) Stadtrecht(Reimer, H. U. I. No. 666); daß es in der Folge hinter Hanau zurückblieb, daran war vor allem die Lage ſchuld.


