Jahrgang 
1897
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Tochter Wilhelms des Schweigſamen von Oranien, Friedrich Wilhelm mit Luiſe Henriette, einer Enkelin), beide reichbegabte Frauen; ſo gewinnt die geſchichtliche Parallele innere, ideelle Verknüpfung: der Geiſt des großen Schweigers, dieſes hochgemuten Helden, der ſeines Lebens Werk mit ſeinem Tod beſiegelte, hat, fortwirkend nach dem blutigen Tag von Delft ²), ſich an dem Main wie an der Spree nicht unbe⸗ zeugt gelaſſen).

Es iſt müßig, weil geſchichtlich unfruchtbar, zu fragen, was aus Hanau ohne Neuſtadt, ohne jene Zufuhr fremden Blutes, fremder Tüchtigkeit geworden wäre; eins aber darf der Hiſtoriker als rückwärts⸗ gewandter Prophete wohl behaupten: ohne den kräftigen Antrieb, den die Intelligenz, die Üüberzeugungs⸗ treue, der Fleiß und die Geſchicklichkeit der neuen Anſiedler der kleinen gräflichen Reſidenz und ihrer vor⸗- wiegend bäuerlichen Bevölkerung verliehen, hätte ſich, zumal bei dem geographiſch und geſchichtlich be⸗ dingten Übergewicht des nahen Frankfurt, das die Märtyrer ihrer Überzeugung engherzig aus ſeinen Thoren wies, die Entwicklung Hanaus weſentlich anders, ſchwerlich aber günſtiger geſtaltet.

Die vorliegende Arbeit will nur ein beſcheidener Beitrag zur Geſchichte Hanaus, ſpeziell zur Gründungsgeſchichte der Neuſtadt ſein. Nach einem gedrängten Überblick über den Urſprung und das Wachstum Hanaus bis zum Jahre 1595 ³) folgt eine kurze Betrachtung des Lebens Philipp Ludwigs II., und daran reiht ſich die Darlegung der Gründung von Neu⸗Hanau ſelbſt).

I. Urſprung und Machstum Hanaus bis zum Jahre 1595.

Dämmernacht umfließt den Urſprung Hanaus. Kein Pergament, kein Stein gibt Kunde, wann zwiſchen Main⸗ und Kinzigmündung der erſte Spatenſtich geſchah; ja ſelbſt die ſonſt ſo geſchäftige Sage, die, gleichwie die Morgenröte den Tag verkündet, ſo an der Schwelle der Geſchichte ſteht, weiß nichts zu melden. Hohen Alters ſcheint Hanau nicht zu ſein; weder die Merowinger, noch die Karolinger dürften die ſumpfige Kinzigniederung beſiedelt haben. Jedenfalls iſt Hanau, ganz abgeſehen von der Art und Weiſe der Entſtehung, weit jüngeren Urſprungs als Frankfurt, das nachweislich längſt vor Karls des Großen Tagen beſtanden hat und in der Uranlage bis in die römiſche Zeit hinaufreicht. Erſt gegen die Mitte des 12. Jahrhunderts, im Jahre 1143, wird der Name Hagenowa, Hanau, zuerſt urkundlich erwähnt und zwar in Verbindung mit einem in den Zeugenreihen der Mainzer Urkunden unter den comites, den Grafen, genannten Dammo, der wahrſcheinlich identiſch iſt mit Dammo von Buchen, der ſchon

¹) Sie war die Tochter Friedrich Heinrichs( 1647), des jüngſten Sohnes Wilhelms des Schweigſamen.

²) Wilhelm von Oranien wurde am 10. Juli 1584 zu Delft ermordet, nachdem er zwei Jahre vorher, am 18. März 1582, bereits durch den Piſtolenſchuß eines Meuchlers ſchwer verwundet worden war.

³) Von den infolge der Aufhebung des Edikts von Nantes aus Frankreich ausgewanderten Franzoſen haben auch Philipp Reinhard von Hanau(1685 1712), ſowie ſein Bruder Johann Reinhard III.(171236) eine ziemliche Anzahl bei ſich aufge⸗ nommen und ſo der während des 30 ährigen Krieges geſunkenen Induſtrie neuen Antrieb verliehen; namentlich die Goldſchmiede⸗ kunſt, die infolge Abſterbens der ſeit 1610 beſtehenden Zunft im Niedergang begriffen war, erfuhr durch den Zuzug franzöſiſcher Goldſchmiede(Bijoutiers, Galanteriearbeiter) einen glänzenden Aufſchwung. Siehe Sponſel, Geſchichte der Hanauer Gold⸗ und Silberſchmiedekunſt. In denMittheilungen des Hanauer Bezirksvereins für heſſiſche Geſchichte und Landeskunde an ſeine Mit⸗ glieder für 1888. Kaſſel. S. 29 ff.

¹) In dieſem Jahre trat Philipp Ludwig II. die Regierung an, die für ihn ſeit 1580 Vormünder ausgeübt hatten.

) Die Arbeit will, auch in ihrem Hauptteil, keineswegs erſchöpfend, ſondern nur orientierend ſein; die Schwierigkeit der Beſchaffung und teilweiſe auch der Benutzung des Quellenmaterials, beſonders des handſchriftlichen, machte bei der Kürze der zu Gebote ſtehenden Zeit dem Verfaſſer äußerſte Beſchränkung zur Pflicht.