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halten, d. h. den Feind zu hindern, durchzubrechen, so mußte scharfe Wacht gehalten werden. Je 2 Mann lösten sich alle 2 Stunden ab. Da mubten alle Kräfte angespannt werden, um sieb trot⸗ Regen und Kälte keine Unachtsamkeit zuschulden kommen zu lassen. Mich hielt immer der Ge- danke an das Leben der Kameraden aufrecht, wenn das Wetter auch noch so schlecht war. Bei starkem Regen schützte ich mich, so gut es ging, mit meinem Zelttuch, das ich über mich hing. Solange man keine Wache hatte, legte man sich in den Unterstand, der unterhalb der Brustwehr eingerichtet war. In eine wollene Decke gehüllt, versuchte man, 8o gut es ging, zu schlafen. Oftmals kam es vor, daß der Uinterstand infolge starken Regens eingefallen war. Da mubte man denn am Tage schanzen, wobei der Handspaten gute Dienste leistete. Am Tage hielten wir uns zumeist im Unterstand auf, denn wir durften uns nicht viel sehen lassen, da wir dann den Ge- schossen der französischen Artillerie ausgesetzt waren. Zum Glück schlug nur sehr selten eine Granate in den Graben selbst ein, die meisten schlugen in nächster Nähe hinter dem Graben ein. Etwas Fürchterlicheres als ein Artilleriefeuer, wenn einem unaufhörlich die Granaten und Schrap- nells über den Kopf sausen und man jeden Augenblick gewärtig sein muß, getroffen zu werden, kann man sich nicht vorstellen. Eine Erleichterung war es immer für uns, wenn unsere Artillerie der französischen in kräftiger Weise antwortete. Was die Verpflegung anbelangt, so waren wir auf das angewiesen, was uns am Abend die Feldküche brachte, die auf der Strabe etwa bis 600 Meter an unsere Stellung heranfuhr. Von jeder Gruppe mubten 2 Mann das Essen holen gehen, drei Feldkessel mit Suppe und Pleisch und einen mit Kaffee; ferner für jeden Mann einen halben Laib Kommibbrot.
Wenn wir so drei Tage in der vordersten Linie zugebracht hatten, wurden wir am Abend des 3. Tages vom 2. Bataillon abgelöst, um 3 weitere Tage in der Bereitschaft auszuharren. Diese befand sich hinter dem schon erwähnten Ort Oosttaverné. Dort hielten wir uns entweder links von der Straße in den mit Stroh angefüllten und gut überdachten Unterständen auf oder machten es uns in den halb zerschossenen Häusern bequem. Da uns reichlich Wasser zur Verfügung stand, o war Gelegenheit geboten, uns Kaffee, Tee oder Kakao zu kochen. Aber dabei mußten wir vor- sichtig zu Werke gehen, denn in der Bereitschaft waren wir dem Artilleriefeuer mehr ausgesetzt als in vorderster Linie. Aus diesem Grunde hatten wir in dieser Stellung die meisten Verluste zu verzeichnen. So wurde eines Tages unser Kompagnieführer, ein Offizierstellvertreter, der sein Quartier in einem Häuschen aufgeschlagen hatte, durch eine Granate schwer verwundet. Ich stand etwa 20 Schritt davon entfernt und war gerade mit dem Reinigen meines Gewehres beschäftigt, als die Granate von hinten in das Haus hineinflog. Aubßer meinem Kompagnieführer wurden noch 2 Mann verwundet und einer auf der Stelle getötet. Während des Aufenthaltes in der Bereitschaft mußten wir stets gefechtsbereit sein, um gegebenen Falls unsere Kameraden in der vordersten Linie zu unterstützen. Nachts mußten wir darauf gefabt sein, Arbeitsdienst zu leisten, wie z. B. Schanzmaterial vorzuschaffen oder selbst zu schanzen. Eines Tages, es war um die Mittagsstunde, hieß es:„Die Franzosen wollen einen Angriff machen, die 4. Kompagnie zur Unterstützung vor!“ Aber ein Vorgehen am Tage ist ein gefährliches Unternehmen. Kaum hatte die französische Artillerie unser Vorgehen bemerkt, so nahm sie die Straße von dem Gehöft bis zur Stellung aufs Korn. Einem Teil von uns gelang es, den Graben zu erreichen, wir andern mußten wegen des heftigen Feuers zurückbleiben. Bei diesem Vorgehen wurden zwei Freiwillige von einer Granate schwer verletzt, dem einen der Arm, dem andern das Bein weggerissen. Wir blieben bis zum Abend im Gehöft, dann kamen unsere Kameraden zurück, mit dem Bescheid, daß die Franzosen nichts unternommen hätten.
Wenn wir in dieser Weise 3 Tage in der Bereitschaft ausgeharrt hatten, ging es zurück ins Quartier. Dort waren wir, so gut es ging, in den noch gut erhaltenen Häusern untergebracht. Unser Nachtlager bildete ein Haufen Stroh und unsere wollene Decke. An den drei Rasttagen gab es mancherlei zu tun. Zunächst wurde ein Appell abgehalten und festgestellt, wer noch da war. War gerade eine Löhnung fällig, so wurde gleichzeitig auch dieses erledigt. Dann wurden die während unserer Abwesenheit eingelaufenen Postsachen verteilt. Da gab es dann natürlich wiederum


