Jahrgang 
1915
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Bericht des Kriegsfreiwilligen Anton Heigel.

Meine Kriegserlebnisse bei der 4. Kompagnie des 5. Bayerischen Infanterie-Regiments.

Von der Begeisterung ergriffen, die bei Ausbruch des uns aufgezwungenen Krieges im ganzen Reiche herrschte, hatte auch ich den Entschluß gefaßt, mich in den Dienst des Vaterlandes zu stellen. Aber das hatte zunächst seine Schwierigkeiten; denn bei allen Regimentern in der Um- gegend, bei denen ich anfragte, wurde mir der Bescheid, daß alles überfüllt sei. Schließlich wandte ich mich nach Bayern, um dort mein Glück zu versuchen. Dort endlich wurde mein Wunsch erfüllt, und zwar wurde ich in Bamberg beim 5. Inf. Regt. angenommen. Dies war am 1. Oktober. Nach 6 wöchiger Ausbildung wurde ich in die Kompagnie versetet, und nach weiteren 2 Wochen, Ende Novembe r, war der ersehnte Augenblick gekommen, wo es hieb:Es geht jetzt ins Feld. Am Mittag des 26. November fuhren wir in heller Begeisterung ab. Nach einer 3 tägigen Fahrt über W ürzburg, Aschaffenburg, Mainz, Köln, Aachen, Lüttich, Brüssel kamen wir Samstag abend in Lille, der bekannten französische n Festung, an. Hier hörten wir zum ersten Mal die KRanonen in der Ferne donnern. Am nächsten T age marschierten wir von Lille über die halb französische. halb belgische Stadt Comines nach Houtkem, dem Quartierort unseres Regiments. Houthem ist ein Ort in Nordflandern, der bei unserer Ankunft halb zerschossen und von seinen Bewohnern ver- lassen war. Zunächst wurde ein Teil von uns demjenigen Bataillon zugeteilt, das gerade in Quartier lag. Die beiden andern Bataillone befanden sie h draußen in Stellung, und zwar das eine in vor- derster Linie, das andere in Bereitschaft. In dieser Weise lösten sich die Bataillone alle 3 Tage einander ab. Nach einigen Tagen kam das 1. Bataillon von der Stellung zurück, und diesem wurde ich zugeteilt und zwar der 4. Kompagnie. Nach 3 Tagen war der Augenblick gekommen, wo es zum ersten Mal hinaus in den Schützengraben gehen vollte. Abends gegen 6 Uhr marschierten wir ab. Nach einem Marsch von etwa 2 ½ Stunden kamen wir in der vordersten Stellung an. Bevor ich daran gehe, das Leben im Schützengraben zu schildern, will ich darauf hinweisen, dabß die Witterungsverhältnisse in Nordflandern sehr ungünstig sind. Einen eigentlichen Winter gibt es nicht, es herrscht durchweg naßkaltes Wetter. Da gerade um die zeit meiner Ankunft ein heftiges Regenwetter eingesetzt hatte, so kann man sich denke n, daß der Aufenthalt im Schützen- graben nic ht gerade angenehm genannt werden konnte. Ich will den Bericht über meine Erlebnisse in 3 Abschnitte zergliedern: das Leben in vorderster Linie, in der Bereitschaft und im Quartier.

Um zur Stellung unseres Regiments zu gelangen, mubßten wir zunächst über das von der französischen Artillerie hart mitgenommene Dorf Gosttaverne hinaus marschieren, dann ging es links von der Straße ab über morastige Felder zu einem Gehöft. Dieses lag an einer Straße, die der ersten parallel lief. Auf dieser Strabe gingen wir einige hundert Meter vor und kamen an der vorderen Stellung an. Unterwegs sausten uns als W illkommgruß die Geschosse von der franzö- sischen Infanterie entgegen, die aber gewöhnlich zu hoch gingen. Meine Kompagnie lag unmittelbar rechts von der Straße und hatte Anschluß an die 1. Kompagnie. Einer hinter dem andern gingen wir in dem Graben soweit vor, bis jeder an seinem Platz angelangt war. Dies war nun nicht so einfach; denn infolge des Regenwetters war der Erdboden derart aufgeweicht, daß man häufig bis an die Kniee in dem Morast versank und man froh sein konnte, wenn man beim Herausarbeiten noch seine Stiefel an hatte. Aber das verdroß uns nicht, im Gegenteil, es gab zu manchen Scherzen Anlaß. Kam man glücklich an seinem Platz an, so war das erste, daß man sich überzeugte, ob alles in Ordnung war. Zunächst legte man das Gewehr auf die Brustwehr oder steckte es durch die Schießscharte, denn wir muhten stets schußbereit sein. Da es unsere Aufgabe war, Stellung zu