Jahrgang 
1912
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der Globe einer Dichtung von Alexandre Soumet widmet, einer Umdichtung des Don Carlos, betitelt: Elisabeth de France. Alexandre Soumet gehörte zusammen mit L. de Fontanes, Vincent Arnault, Népo- muceèene Lemercier u. a. eine Zeitlang den amtlich anerkannten Dichtergrößen der Em- pirezeit.

Schillers dramatisches Gedicht Don Carlos vom Jahre 1787, das unvergleichliche Werk eines Großen, der allen überlegen ist, enthält in seiner Fülle, seinem Reichtum an Handlung und Motiven, seinem Gedankengehalt Stoff genug für die bescheidenen Federn der Kleinen. Freundschaft, Liebe, Freiheit! Es ist eigent- lich verwunderlich, daß sich nicht noch mehr zu dieser reich besetzten Tafel gedrängt haben. Alexandre Soumet fühlte sich als Herr des entliehenen Kapitals; eine kurze Inhaltsangabe seiner Dichtung zeigt am besten, wie er damit gewirtschaftet hat.

Don Carlos trifft am Hofe seines Vaters Philipp seinen Freund Egmont wieder. Der will ihn zur Annahme des Herzogtitels von Brabant überreden. Don Carlos wird von seinem Vater in schmählicher Unfreiheit ge- halten. Er sehnt sich nach Taten; er will loskommen vom Hofe zu Madrid. Einmal haßt er alle Schmeichelei und Unterwürfigkeit; dann aber will er der Gefahr entrinnen, ein Verbrechen zu begehen. Er liebt Elisabeth von Frankreich, Königin von Spanien, die Gemahlin seines Vaters. Elisabeth liebt ihn wieder, aber er soll nicht wissen, wie hart es ihr ankommt, sich von ihm Mutter nennen zu lassen. In ihrer Unruhe und Ge- quältheit sucht sie einen Einsiedler in der Nähe von Madrid auf; sie erhält den Rat, ihre Leidenschaft zu bekämpfen und ihre Pflicht zu tun. Sie begibt sich dann zum König und erlangt von ihm, um was Carlos umsonst gefleht hatte: die Entsendung des Infanten nach Brabant. Aber schon hat Carlos

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den entscheidenden Schritt getan: er hat sich durch seine Unterschrift verpflichtet, die Herzogswürde von Brabant anzunehmen, um den Fürsten zu zeigen, wie man ein freies Volk regiert. Dieser Schritt wird verraten; der König ahnt mehr noch als den Hochver- rat des Sohnes: er ahnt ein geheimes Ein- verständnis des Infanten mit seiner Gemahlin; er kennt ihre Neigung für einander. Er hat erfahren, daß beide am nämlichen Abend bei dem Einsiedler gewesen sind. Die Großen der Krone werden zusammengerufen; der Infant wird als Hochverräter an der Majestät des Königs von Spanien erklärt. Es wird nach dem Großinquisitor geschickt.

Elisabeth de France wurde am 2. Mai des Jahres 1828 zum erstenmal aufgeführt.

Ein Trauerspiel: Don Carlos oul'Inqui- sition erlebte am 11. Dezember 1830 seine Erstaufführung. Dieses Stück scheint die Kritik nicht weiter beschäftigt zu haben.

Wie sehr sich einer der Jüngsten, Alfred de Musset, der von sich sagt:Je ne vou- drais pas écrire ou je voudrais èêtre Shake- speare ou Schiller, von den hochgehenden Wogen des Romantismus mit fortreißen ließ, und wie ihn gerade der Don Carlos besonders fesselte, darüber berichtet ausführlich W. Haape (a. a. O. p. 30 f.). Musset, der selbst der deutschen Sprache nicht mächtig war, huldigte wiederholt und mit dankbarer Bereitwilligkeit dem Einfluß der deutschen Dichtung.Le romantisme, c'est la poésie allemande. Mue de Staëél est la première qui nous ait fait connaitre cette littérature, et de l'apparition de son œuvre date la rage qui nous a pris. Achetons, Goethe, Schiller et Wieland, nous sommes sauvés, tout est venu de la.(p. 22.) In seiner Studie Le Théâatre d'Alfred de Musset, Paris, 1901, unterzieht Léon Lafos- cade die Frage, welche ausländischen Dichter auf Musset eingewirkt haben, einer ausführ- lichen Besprechung. Das dritte Kapitel handelt

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