von deutschen Einflüssen: Goethe, Schiller, Jean Paul. Es geht aus der Darstellung des französischen Kritikers hervor, daß die Auf- gabe nach fremden Einflüssen zu schürfen, bei Musset sehr kompliziert ist und besonderen Takt verlangt. Musset war ein Vielleser in dieser lesehungrigen Zeit, der sich fremde Gedanken so innerlich zu eigen machte, daß in seinen Werken eine Unterscheidung zwischen eignem und entlehntem Gut vielfach unmög- lich ist.
Wie verwehten um 1800 die Zeiten im Sturm! Und wie der Märzensturm mit Heulen und Brausen das überwinterte Laubwerk von den Bäumen reißt, so fallen damals im Völker- frühling die welk gewordenen und ausge- trockneten ästhetischen und ethischen Systeme zu Boden. Die Alten zürnen und warnen, die Jugend jubelt. Die Alten, das sind in Frankreich die Anhänger des stilgemäßen Klassizismus; die Jungen, das sind die Roman- tiker. Ihre Schutzheiligen im Kampfe sind Shakespeare und Byron, Goethe und besonders Schiller. Weshalb Schiller besonders? Er teilt einmal mit den Franzosen das Interesse an den Phänomenen der praktischen Vernunft, er ist wie sie weltbürgerlich gesinnt und senti- mental; dann aber mußte sie seine etwas theatralische Ausdrucksweise, sein effektvoller Stil besonders ansprechen-„Schiller tient à la France comme à l'Allemagne, et convenons qu'il est apprécièé depuis fort longtemps par- mi nous. Nous l'avons traduit, nous l'avons imité, nous avons essayé de rendre dans notre langue jusqu’ à ses poésies fugitives; nous apprenons l'allemand pour le lire dans l'original, nous le chérissons presdque autant que nos pères ont aimé les idylles de Gessner.“ (Nouvelle Revue Germanique, vol. 22, 1830, S. 105; eine Zeitschrift, herausgegeben von dem Elsässer G. Willm, in der Land und Leute der Deutschen eine Würdigung finden, mit der man sich wohl einverstanden erklären
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kann. Das Aprilheft des Jahres 1830 bringt auf S. 375— 388 eine sehr lesbare Übersetzung der Jenaer Anutrittsrede Schillers: Discours prononcèé par Schiller à l'université de Jena, en 1780, pour l'ouverture d'un cours d'histoire.)
So hat also der deutsche Dichter seinen Einzug in die französische Kulturwelt gehalten: wer hat ihm die Tore geöffnet?
Von den Räubern, von Fiesco und Don Carlos ist bereits die Rede gewesen. Wie steht es mit Wallenstein, der klarsten, in sich ge- schlossensten dramatischen Dichtung Schillers? Der Wallenstein steht auf einer Höhe, wohin die Franzosen nicht kommen können, weder die Kunstschaffenden noch die Genießenden.
Wie Notwendigkeit und Freiheit in der menschlichen Seele und in der Fülle der Wirk- lichkeit sich verketten, die ganze philosophische Anlage der Hauptcharaktere stellte dem fran- zösischen Denken und Deuten unlösbare Auf- gaben. Sehen wir zu, wie sie sich zurecht- finden.
Walstein, tragédie en 5 actes et en vers, précèédèée de quelques réflexions sur le théàtre allemand etsuivie de notes his- toriques, par Benjamin Constant de Rebecque, 1767— 1830, Genf, 1809.
Der Inhalt der französischen Nachdichtung ist folgender:
I, 1: Die Generäle entscheiden sich, Gallas mit Géraldin, dem Abgesandten des Wiener Hofes, verhandeln zu lassen.
I, 2: Gallas entpuppt sich als Verbündeter des Kaisers; sein Rat ist schleuniges Handeln, solange noch die Unentschlossenheit des Generalissimus dauert.
I, 3: Alfred und Thekla: Thekla beklagt den Tod ihrer Mutter.
I, 4: Wallenstein tritt auf; Alfred bestätigt ihm, was er schon weiß, daß man nämlich bei Hofe von seinem Nachfolger spricht.
I, 5: Wallenstein und Terzky: Wallenstein, der von einem Verrat am Kaiser nichts wissen
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