Infanten. Seine Großen am Hofe, die Minister und Räte, die Schmeichler, Henker, Zwischen- träger, ob er es verantworten wolle, ihnen seinen Sohn zu opfern?
IV, 5 und 6: Carlos bereitet sich vor, als Flüchtling den Hof zu verlassen. Gomes soll ihn begleiten. Der Königin gelingt es nicht, ihn zum Bleiben zu bewegen.
IV, 7: Der König, der Großinquisitor, die Granden, Gomes in Fesseln: Der König gebietet dem In- fanten, das Schriftstück herauszugeben, das ihm Egmont im Auftrag des brabantischen Adels überreicht hat. Carlos verbrennt es vor den Augen aller. Der König überant- wortet ihn dem Großinquisitor:
„Spinola, dans vos mains, l'est l'infant que je livre.
Dictez l'arrét; qu'on l'attende en silence. Mon ministere cesse et le vôtre commence.“
Die heldenhafte Haltung des Infanten und die grausame Härte des Königs zwingen die Königin zu dem lauten Geständnis, daß sie Carlos wieder liebt. Sie will mit ihm in den
Tod gehen.—
V: Carlos wird verurteilt, den Giftbecher zu leeren. Die Königin wird von einem Soldaten in den Kerker geleitet; sie ist ge- kommen, den Infanten zu retten. Der König und sein Gefolge treten herein. Carlos hat den Becher geleert und stirbt; die Königin will den Geliebten nicht überleben; sie folgt ihm in den Tod.—
Wenn man Philipp II loben will, muß man ein Auge zudrücken und vom letzten Akt absehen. Das Stück ist mit dem vierten Akt eigentlich zu Ende. Wir kennen das Schicksal des Infanten von dem Augenblick an, da er der Inquisition ausgeliefert wird. Hat der Dichter vielleicht den fünften Akt hinzugefügt den Schauspielern zu Gefallen? Der Held der Dichtung ist ohne Frage nach dem Vorgange
27
Schillers Don Carlos; es bleibt unklar, wes- halb das Stück Philipp II betitelt ist.)
Schillers Kraft und Reichtum herrscht auch in der französischen Nachdichtung. Die Charakterzeichnung ist zurückhaltender, aber von sicherer Hand. Die Darstellung ist nicht so farbenprächtig, so leibhaftig spanisch wie bei Schiller; aber doch atmen wir spanische Luft, fühlen uns in der Nähe spanischer Granden und eines allgebietenden Despoten. Auch bei Chénier lassen wir uns von der jugendlichen Leidenschaftlichkeit des Infanten gefangen nehmen; wir bewundern seinen Sieg über sich selbst. Der Reifere, der Führende bis zum Augenblick der Katastrophe ist Egmont, der Verteidiger der Freiheit und Freundschaft im Namen der Menschenrechte und des Menschenglücks; Egmont verkörpert die Rolle des Marquis Posa.
Das Stück hätte um 1830 auf der Bühne erscheinen sollen, dann wäre sein Erfolg sicher gewesen. Philipp II von Marie-Jos. de Chénier ist eine historisch-politische Tragödie, die hätte mit beitragen können, diese Gattung vor ge- fährlichen Verirrungen zu bewahren und ihr größere Beliebtheit zu verschaffen.
Das Drama ist erst nach dem Tode des Verfassers veröffentlicht worden. Für Marie- Jos. de Chénier, der ein Freund der Freiheit und der Gesetze war, den Blutmännern des modérantisme verdächtig, war das Theater das Forum, die Tragödie eine Waffe.
In Goethes Schriften zur Literatur (ck. Cotta'sche Jubiläumsausgabe, vol. 38, p. 167) findet sich die günstige Rezension, die
Anm:*) Wahrscheinlich ist der Titel hergenommen von L.S. Merciers Portrait de Philipp ll, roi d'Espagne(1785), dem eine 77 Seiten umfassende his- torische Einleitung vorausgedruckt ist; diese Einleitung hat bekanntlich Schiller übersetzt. Nach den Aus- führungen Zollingers ist das Werk Merciers eine der Quellen, aus denen Schiller bei der Niederschrift des Don Carlos geschöpft hat. Jedenfalls hat auch Chénier das Stück gekannt und benutzt.
28


