Jahrgang 
1912
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mais il a une force intérieure de méditation qui lui assure un autre cycle d'action et de jouissance et une irritabilité intellectuelle plus vive, so ungefähr schreibt de Villers in der Einleitung zu einer Ausgabe des Buches der Mue de Staél über Deutschland.

Die frühesten Jahre der französischen Romantik, die manche Forscher als eine Renaissance germanischen Geistes betrachtet wissen wollen, waren die kritische Zeit, in der die Nation ein neues Theater hätte ge- winnen können, hervorgegangen aus der Ver- einigung griechisch-gallischen und germanischen Wesens. Aber über der Romantik und den Romantikern waltet ein seltsamer Unstern. Wir begrüßen die Verheißung, aber wir hoffen vergebens auf die Erfüllung: das Fragmen- tarische ist ein inneres Charakteristikum der Romantik, die Folge von zentrifugalen Kräften, die in ihr wirksam sind. Es gibt keine Lite- raturperiode, in der nicht fremde Muster, Werke aus entfernten Zeiten und Ländern nachgeahmt worden wären; aber die fran- zösische Romantik kommt über das Betasten und Hin- und Herwenden nicht hinaus; sie schafft keine dauernden Werte. Zuerst strebt sie nur danach, ihren Bestand an geeigneten Stoffen für die Bühne durch Anleihen bei fremden Literaturen zu vermehren; damit kommen dann allmählich fremde, neue Me- thoden ins Land.

Von den Werken Schillers ist den Fran- zosen vor der Jahrhundertwende der Don Carlos besonders teuer gewesen, nicht als Muster dramatischer Komposition l'ntrigue en est trop compliquée, wie Mue de Staël kurz bemerkt sondern als Roman eines revolutionären Fürsten. Im Jahre 1799 er- schien eine Übersetzung von Adrien comte de Lésay-Marnésia. Sie war die Frucht einer unfreiwilligen Muße; der Graf hatte sich während der Schreckensjahre in einem Dorfe der Normandie versteckt gehalten, bis er 1796

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mit einer Abhandlung De la faiblesse d'un gouvernement qui commence et de la néces- sité ouù il est de se rallier à la majorité natio- nale wieder vor die Öffentlichkeit trat. Seine ÜUbersetzung des Don Carlos wurde von den Zeitgenossen scharf zurückgewiesen; sie er- schien ihnen als ein Vorstoß des Romantismus; sie zeterten, als sollte ihnen die ganze lite- rarische Vergangenheit ihres Landes genommen werden.

Eine Dichtung ist manchmal wie ein Zier- strauch; ein solcher kann von ungeübter Hand in eine andere Umgebung versetzt werden, kann beschnitten und zugestuzt werden, so daß man ihn hernach kaum wiedererkennt. Dieser Vergleich möge das Verhältnis be- zeichnen von Schillers Don Carlos zu Philipp II, einer Dichtung, die dem Verfasser des Chant du Départ, Marie-Joseph de Cheénier, angehört. Marie-Joseph ist der Bruder des unglücklichen André de Chénier, der 1794 das Schaffott besteigen mußte; wie seinen- Bruder, so kennzeichnet auch ihn der Ernst seiner Dichtungen, die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit der Empfindung. Wir ver- danken ihm eine gutgelungene Elegie, betitelt La Promenade, der Titel wenigstens zeigt Anlehnung an Schillers bekannte Dichtung: Der Spaziergang.

In seiner AbhandlungTableau historique de la Littérature Française widmet er zwei Seiten einer Besprechung der Geschichte des dreißigjährigen Krieges von Schiller.(Marie- Joseph de Chénier, Oeuvres posthumes, III, S. 182 f.) Er vergleicht die Arbeit Schillers mit dem Werk des englischen Geschichts- schreibers Robertson über Karl V, aber nur um seine Ansicht zu begründen, daß nämlich eine solche Parallele eigentlich unzulässig sei. Trotz mancher Schönheiten, die das Werk Schillers einer französischen Ubersetzungwürdig machten, vermisse man darin die Tiefe und Gleichmäßigkeit des Wissens, Eigenschaften,

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