Phantastereien. Der Stoff des Dichters und zumal des dramatischen Dichters ist die Wirk- lichkeit; dieselben Gesetze, die das bunte Leben der weiten Welt der Wirklichkeit be- stimmen, gelten auch für die enge, begrenzte Welt der Bühne.
Ein dramatisches Meisterstück des sieg- reichen Romantismus, das Werk einer krank- haft überreizten Phantasie, ist der Loren- ziaccio von Alfred de Musset(1834). Alexander Farnese ist Herzog von Florenz, ein junger Mann von 26 Jahren. Seine Schand- taten sind himmelschreiend, weder die Vor- nehmen noch die Geringen sind vor ihm sicher. In seiner Umgebung hat sich Lorenzo unent- behrlich zu machen gewußt; der Herzog ist überzeugt von der vollständigen Harmlosigkeit des im Scherze so genannten„Philosophen“, der in Ohnmacht fällt, wenn er einen blanken Degen sieht. Lorenzo, oder Lorenziaccio, wie die Leute ihn heißen, die den verwach- senen Verbannten aus Rom besser kennen, steigt mit dem Herzog dem Laster nach. Jahre hindurch tut er dies, immer in der Erwartung, eines Tages der Welt durch eine große Tat zeigen zu können, daß man ihn verkannte. Da, als einmal der Herzog ohne Begleiter im Hause seines Günstlings weilt und sich gerade zu Bette begeben will, trifft ihn der Dolch des Verräters.
Lorenzo hatte schon vor der Tat alle Hoffnung aufgegeben, die stolzen Geschlechter zur Wiederaufrichtung der Republik mitfort- zureißen; die begriffen nicht mehr, welches Gut die Freiheit ist. Wie sie ihn auch nennen wollen, ob Erostratus oder Brutus, genug, es gefiele ihm, der Menschheit eine Ohrfeige zu geben.— Zwei Tage nach der Tat trifft ihn der Dolch des Mörders, der nach dem Golde gierig war, das der Rat der Achte als Preis auf seinen Kopf ausgesetzt hatte.
Die französischen Kritiker beziehen das Stück mit Recht auf den Einfluß Shakespeares:
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„Et je crois bien qu'en effet, si on cherchait dans notre théâtre ce qu'il doit à l'influence directe de Shakespeare, Lorenziaccio est le seul spécimen qu'on en pourrait fournir.“ (Petit de Juleville, Histoire de la langue et de la littérature française, VII, 401.)
Musset war ein Vielleser; von seinen Be- ziehungen zu den Werken Schillers handelt W. Haape in der Zeitschrift für franz. Sprache und Literatur, XXXIV, 1—98: „Alfred de Musset in seinen Beziehungen zu Deutschland und zum deutschen Geistesleben.“ Die deutsche Leibwache im Fiesco findet ihr Gegenstück bei Musset. Vielleicht hat auch die Episode des Malers Romano im Fiesco die Anregung zur Einführung des Malers Tebaldeo im Lorenziaccio gegeben.(S. 43.)
„C'est seulement vers les premières années de la restauration que les poètes... ont adopté un catholicisme d'emprunt et se sont montrés plus religieux qu'ils ne l'étaient au fond, et mème plus monarchiques. Les vieilles cathédrales et les vieux châteaux, ressuscités par le goùt du moyen-àge, ont donné aux poètes nouveaux une couleur de royalisme et de dévotion qui s'est effacée bientôt.“(H. Lucas, a. a. O., vol. II, p. 237 f.)
Die Deutschen sind Menschen von be- sonderem Schlag; sie leben weniger als andre in der Welt der Dinge als vielmehr in der Welt des Übersinnlichen, jenseits der Grenzen von Raum und Zeit. So mag es gewesen sein in der Zeit unsrer klassischen Dichtung und Philo- sophie, und die romantischen Schriftsteller unsrer gallischen und britischen Nachbarn sprechen davon mit einer Art Scheu; sie haben erst von Heine gelernt, darüber zu spötteln. Der deutsche Mensch war ihnen ein mystisches, verträumtes Wesen, Deutschland das Land der zerfallenen Burgen und Klöster, ein Land reiner Sitten, wo die Vergangenheit lebendig war wie die Gegenwart.„LAllemand est moins porté à jouir de ce qui touche les sens,
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