Jahrgang 
1912
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Freund, wie Monaldeschi betrogen ist, als die Königin den Befehl gibt: Protégez sa vie!

Schiller, der nach Erich Schmidt hundert Jahre hätte alt werden können und nie um neue Stoffe verlegen gewesen wäre, dachte auch an, ein Schauspiel Monaldeschi. Wenigstens finden wir diesen Namen in dem Verzeichnis der Dramentitel, das E. von Gleichen-Rußwurm 1865 in einer Faksimile- beilage zuSchillers Calender veröffentlichte. Nach Kettner stammt dieses Verzeichnis aus dem Jahre 1802.

Schillers Fiesco spielt auf der Höhe der tatenfrohen Sturm- und Drangmenschen; die französische Trilogie ist Fiesco ins Romantisch- Verschwommene übersetzt. Aus dem Renais-

Anm:*+ Dumas hat den Nallenstein aufmerksam gelesen. Vergl. den Auftritt Wallensteins Tod, V 2, Buttler, Hauptmann Deveroux und Maodonald mit IV, 5 im zweiten Teil der Trilogie, Fontainebleau, Sentinelli, Clauter, Laudini, wo Sentinelli die beiden Schurken mit Geld und guten Worten beredet, Monal- deschi umzubringen. Dem Monolog Albas(Goethe, Egmont, IV) ist die Szene nachgearbeitet, wo Sentinelli im Begriffe ist, sich seines Opfers zu bemächtigen:

Er kommt nicht! IIne vient pas encore

Steig ab! So bist du mit dem einen Fuß im Grab! flatte son cou nerveux! Und so mit beiden.-- Ja, streichl' es nur und Et dis-lui qu'aujourd'hui klopfe für seinen mut- pour la derniere fois

gen Dienst zum letzten Mal den Nacken ihm

Und mir bleibt keine Wahl: in der Verblen- dung, wie hier Egmont

naht, kann er dir nicht Il va toucher le seuil;

Descends de ton cheval,

De son maitre insolent il a senti le poids! Son maitre, un pas encore! en ma puissance il tombe

zum zweitenmal sich liefern! hört! Bien un pied dans la tombe. Deux! Ahl!

Il court donc de lui-mèême au but que nul n'évite! Je l'entends, je le vois! Il est venu bien vite! Vergl. Journal des Debats, 1. November 1833.

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sancemenschen wird dabei ein höfischer Vaga- bund. Wir erkennen deutlich, welche Vor- stellung sich Dumas und überhaupt die Theaterdichter der Romantik von der Art und dem Gebahren eines politischen Abenteurers machten. Vergessen wir nicht, daß das roman- tische Theater auch von den melodramatischen Erzählungen, von Mord- und Schauergeschich- ten beeinflußt ist, wie sie sich gerade um 1800 großer Beliebtheit erfreuten. Das Mittel- alter hatte seine Mären von teuflischen, der Hölle verschriebenen Menschen, die, weil doch nach derldee solcher Geschichten das Niedrigste das Höchste erreichen sollte, das Unwürdigste das Würdigste, sogar Päpste, Statthalter Christi wurden; jetzt da das Papsttum seine Stel- lung eingebüßt hatte, schwangen sich solche Teufel zu weltlicher Größe und Macht auf, und so werden die Erzählungen dieser Art aus dem geistlichen ins weltliche übersetzt. In der Unruhe der Zeiten mag manchem Connetable der Gedanke gekommen sein, für ihn sei ein Thron bestimmt.

Als die französischen Klassiker ihr Theater schufen, dichteten sie für Müßiggänger, die sich die Zeit vertreiben wollten. Nicht die Bühne hat sich ihr Publikum gebildet, sondern das Publilkkum, und zwar ein solches, das in den verdrehten, verschnörkelten Formen des höfischen Lebens aufging, hat sich ein Theater geschaffen. Alles was an Leidenschaften und Empfindungen, an Geist und Witz geboten wird, ist zierlich und fein zurechtgedrechselt; doch steckt darin immer noch einige Wahrheit. Das Theater der Romantik dagegen entsagt von vornherein der Absicht, der Verbildung und Verzärtelung zu gefallen; die Dichter wollen Freiheit und Wahrheit, sie schwärmen für Natur und Geschichte. Aber sie ver- wechseln Freiheit in der Behandlung des Stoffes und der Charaktere mit Willkür, und statt der inneren Wahrheit der Begebenheiten und Situationen finden wir melodramatische

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