Das besondere Lob des französischen Kritikers findet der Schluß, der bekanntlich Schiller soviel Mühe verursachte. Fiesque kann seinem Freunde Verrina nicht ver- bergen, daß er im Sinne hat, auf den Trümmern einer besiegten Tyrannis eine neue aufzubauen:
Le peuple me demande, et le tröne m'ap- pelle!—
Verrina: Le trône!
Fiesque: II m'appertient.
V: se relevant et frappant Fiesque de son poignard: Tu n'y monteras pas.
F: tombant: Ciell— C'est toi, Verrina, dont
la main m'assassine!
On vient!— Fuis, malheureux, le sort qu'on
te destine: Génois indignés trépas...
Das Volk stürzt herbei, um Fiesque zu bitten, den Kampf gegen den achtzigjährigen Doria zu beginnen; wenn nicht, so werden sie nicht zögern, sich dem Dogen zu unter- werfen. Verrina sieht, wie sehr Fiesque Recht hatte: Das Volk ist zur Freiheit nicht reif! So gibt er sich selbst den Tod.
Das erste Beispiel des drame d'’histoire in der französischen Literaturgeschichte ist Henri III et sa cour, 1829, von Alexandre Dumas dem Alteren. Es ist eine romantische Tragödie, in der alles zu finden ist, was Victor Hugo zwei Jahre vorher in der préface de Cromwell gefordert hatte. Worauf es aber in diesem Zusammenhang ankommt: Henri III et sa cour ist ein Verschwörer- drama. Hier ist der duc de Guise der Ver- schwörer, und seine Helfershelfer am Hofe sind die ligueurs, die Mitglieder der katho- lischen Liga. Nichts weniger will der ehr- geizige Herzog als den Thron von Frankreich. Das Stück endet, nachdem wir erfahren haben, wie es seiner Schlauheit gelingt, seinen ent- schiedenen Widersacher, den comte de Sta- Megrin, den Günstling des Königs, aus dem
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Les vengeraient mon
Wege zu schaffen und in seiner Person den Geliebten der Herzogin Guise. Die Haupt- handlung ist die Geschichte dieser Liebe; sie endet tragisch. Der comte de St.-Mégrin erscheint auf einen der Herzogin abge- zwungenen Brief in den Gemächern der Ge- liebten, die bei einem Besuche bei dem Astro- logen Ruggieri so unvorsichtig war, ihr Taschen- tuch zu verlieren. Nachher ist der comte und einige Freunde im Zimmer des Stern- deuters. Der Herzog kommt hinzu, findet das Taschentuch und errät alles.
Hinzuweisen ist auf die Beziehung des ziemlich langen Auftritts im Kämmerlein des Astrologen zu dem ersten Auftritt in Wallen- steins Tod, wo sich der Feldherr mit Seni unterhält,
Eine Lieblingsfigur bei den Theaterbe- suchern war der comte de Saint-Mégrin; wir erinnern uns an Schillers Gedicht„Der Hand- schuh“(dessen Stoff übrigens aus einer franz. Quelle stammt), wenn wir erfahren, wie dieser „bouillant jeune homme“ sich unter die Löwen und Panther wagt, um den Blumenstrauß zurückzuholen, der seiner Schönen entfallen war.
Eine echt romantische Tragödie, die ge- heimnisvolle Begebenheiten und Gestalten, Duelle, Giftmorde, Trennung und Wiederfinden auf die Bühne bringt, ist die trilogie drama- tique sur la vie de Christine, reine de Suede, 1830, ebenso von Alexandre Dumas dem Alteren. Der Inhalt der drei Teile ist folgender:
Stockholm: Die Königin von Schweden, Christine, tritt fehl, als sie ein Schiff des schwedischen Geschwaders besteigen will, und stürzt. Ein junger Franzose, der soeben an- gekommen ist, rettet sie aus den Fluten.
Fontainebleau: Dem Drängen der schwe- dischen Großen folgend, wählt Christine ihren Verwandten Karl-Gustav zu ihrem Nachfolger auf dem Throne Gustav-Adolfs. Ihre Ab-
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