Jahrgang 
1912
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handelt ein Brief Schillers aus Weimar, vom 26. Oktober 1787:Von Dalberg erhielt ich neulich auch einen Brief. Mercier ist jetzt in Mannheim und hat sich dieRäuber vor- spielen lassen. Er will meine Stücke ins Fran- zösische übersetzen lassen und eine Vorrede dazu schreiben. Es wäre in der Tat präch- tig, so etwas zu lesen. Das Buch soll heißen les œuvres dramatiques de M. Schiller. Dalberg ist ganz entzückt von der Idee. Er will den Handlanger machen und die Stücke vorher wörtlich übersetzen, und dann erst den französischen Übersetzer darüber lassen. (ollinger, a. a. O., p. 116.)

Schiller wird also in Frankreich zuerst be- kannt und laut gepriesen als der Dichter der Räuber, der Dichter der Menschenrechte und der Anarchie, die sie forderte. Die Räuber sind bereits 1785 unter dem Titel: Les Voleurs, tragédie en cinq actes et en prose, par Schiller, in einer französischen bersetzung erschienen. Das Stück findet sich in der Sammlung des Nouveauthéatre allemand, recueil des pièces qui ont paru avec succès sur les théâtres des capitales de l'Allemagne. Es fand so viel Beifall, daß nicht allein die aufmerksamen Beobachter der damaligen Zeit- läufte bedeutend die Köpfe schüttelten und schlimme Tage prophezeiten, sondern vor allem die Anhänger des altgewordenen Klassi- zismus glaubten, dem nationalen französischen Theater stünde der Untergang bevor. Das überlaute Wesen auf der Bühne, der Sturm und Drang, mißfiel allen, die ruhiger urteilten; sie vermißten die Beobachtung all der Regeln, die der franzõsischen Dramentechnik so wesent- lich sind. Immerhin, mehr als ein Jahrzehnt später konnte Marie-Jos. de Chénier mit Genugtuung feststellen, daß diese Befürch- tungen nicht wahr geworden seien. Eine zweite Nachdichtung, die während der Revo- lutionszeit erschien, ist fast unbeachtet ge- blieben. Der Verfasser, La Marteliere, ein

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Elsässer, der mit seinem deutschen Namen Schwindenhammerheißt, betitelte sein Werk: Robert, chef des brigands, drame en cinq actes et en prose, imité de l'allemand, 1793. Ganz im Schatten blieb auch Auguste de Creuzeé, Les Voleurs, 1795, tragéedie en prose. en cing actes, par Schyller.

Von dem deutschen Dichter, dessen Name zu solchem Ruhm gelangt war, von seinen Ansichten und seinem Streben, erfuhren die Franzosen nichts; er war ihnen ein ami de l'humanité. Das war ein Ehrenname zu allen Zeiten, von ganz besonderem Gewicht und Ansehn aber damals, wie man z. B. aus einer in dieser Zeit entstandenen Zusammenstellung ersehen kann(in den Denkwürdigkeiten Bris- sots), einer Art Rangordnung, in der Gott, Dieu, obenansteht; dann kommt noch vor dem Philanthropen der tyrannicide, am Schluß le Pape und gleich hinterher le Diable. Ami de l'humanité heißt Schiller auch in der merkwürdigen Urkunde, durch die ihm das französische Bürgerrecht übertragen wurde. Der französische Minister übersendet sie ihm mit folgendem Begleitschreiben vom 10. Oktbr. 1792, l'an premier de la République Française:

J'ai l'honneur de Vous adresser ci-joint, Monsieur, un imprimé revéètu du sceau de l'Etat, de la loi du 26 Aoùt dernier, qui con- fere le titre de Citoyen Français à plusieurs Etrangers. Vous y lirez que la nation vous a placé au nombre des amis de l'humanité et de la société auxquels Elle a déféré ce titre. L'assemblée nationale, par un décret du 9 sep- tembre, a chargé le pouvoir exécutif de vous adresser cette loi; j'y obéis, en vous priant d'ètre convaincu de la satisfaction que j'éprouve d'être, dans cette circonstance, le Ministre de la Nation et de pouvoir joindre mes sentiments particuliers à ceux que vous témoigne un grand Peuple dans l'enthousiasme des premiers jours de sa liberté. Je vous prie de m'accuser la réception de ma lettre, afin que la Nation

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