Jahrgang 
1912
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Zeit der eigentlichen Romantik, als die führen- den französischen Dichter und Schriftsteller diepatrioterie littéraire Unsinn nannten und als krankhaft bezeichneten, da scheint der Einfluß des deutschen Schrifttums auf einmal ebenso wirksam wie der Einfluß des eng- lischen, Bis Mitte der zwanziger Jahre hielten sich die Franzosen an Mme de Staél, die wirklich erst das literarische Deutschland so- zusagen entdeckte und auf lange Jahre hinaus der französischen Kritik deutscher Schriften den Weg wies. Wenn Henri Beyle 1823 schreibt, que toute l'Allemagne fréemissait et pleurait aux tragédies de l'immortel Schiller, dann darf man diese einigermaßen naive Be- merkung so verstehen: die Franzosen bildeten sich ein, mit Goethe und Schiller sei das lite- rarische Schaffen in Deutschland zum Abschluß gekommen. Vergl. Victor Hugo, Actes et Paroles 1,83(1841):Depuis la mort du grand Goethe, la pensée allemande est rentrée dans l'ombre. Von einer romantischen Bewegung in Deutschland, von Tieck, Novalis, Arnim, u. s. f. wußte man nicht viel; man lernte sie erst kennen durch Heine und zwar zu einer Zeit, da man kaum mehr von einer roman- tischen Dichterschule sprechen konnte*). Man kann nun nicht behaupten, daß die Franzosen Goethe und Schiller gründlich verstanden hätten; man kann einen Dichter nie verstehen, wenn man seines Landes Art und Geschichte nicht kennt). Die Vertreter des schönen Schrifttums waren, mit wenigen, sehr rühm- lichen Ausnahmen, der deutschen Sprache nicht mächtig und kannten Land und Voll

Anm: H. Heines Aufsatz in der Zeitschrift Europe littéraire, Jahrg. 1833: De l'état actuel de la littéerature en Allemagne.

Anm:*)... nous ne sommes pas à Paris cent personnes en état de lire ce qui parait de l'autre côoté du Rhin... il ne faut pas s'y tromper et croire que nous savons ce qui se passe chez nos voisins.(M. Matter, De lEtat Moral, Politique et Littéraire de l'Allemagne, Paris, 1847, vol. I, p. 60.)

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auf der andern Seite des Rheins so wenig, daß ihnen Mwe de Staél und einige zweifel- hafte Übersetzungen von Schiller'schen oder Goethe'schen Dichtungen vollständig genügten. Sainte Beuve, der ein aufmerksamer Be- trachter seiner Zeit war, hat Recht, wenn er etwa meinte:Meme lorsqu'on imitait, il y avait une certaine ignorance premieère, une demi-scienne, qui prétait à l'imagination et lui laissait de sa latitude. Dieses Halbwissen, in dem kaum etwas der eignen Art zu nahe trat, obschon sich die Aufregung über die monstruosités der Ausländerei lange nicht legen will, findet der französische Kritiker, der be- kanntlich die siegreiche Richtung der Aus- länder weder geradezu billigt noch verurteilt, für die Romantik bezeichnend. Wieso aber ist damit die Tatsache erklärt, daß Schiller eine Zeitlang modern sein konnte? Es ist richtig, die Romantik bleibt in jeder Hinsicht gern im Dämmerlicht; aber man darf doch annehmen, daß eine innigere Bekanntschaft mit Deutschland und den literarischen Zu- ständen in unserm Vaterlande das Aufblühen der légende schillérienne in Frankreich nur hätte begünstigen können.

Es ist begreiflich, daß zunächst Schillers Dramen, nicht etwa seine philosophischen Schriften, die Franzosen beschäftigen. Schon 1821 hatte Barante(17821866) ein voll- ständiges Théàtre de Schiller in Prosa er- scheinen lassen(in 6 Bänden). Nach Barante bezeichnen Schillers letzte Worte: Immer ruhiger!) den geistigen Entwicklungsgang des Dichters, der sich aus der Gärung und Überschwenglichkeit und Unruhe seiner Jugend- jahre heraus zu ruhiger Vollendung und Mäßi- gung durchgerungen habe.

In den nun folgenden Abschnitten, die der Zusammenstellung und kurzen Betrachtung einiger Werke gewidmet sind, die in Frankreich

Anm:Toujours plus tranquille! Vergl. Mme de Staél, de l'Allemagne, cap. IX.

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