ach David Friedrich Strauß kann man N immer von Romantik und Romantikern
reden, wenn man solche Zeiten be- trachtet, in denen eine neuaufkommende Bildung einer altgewordenen gegenübertritt, Zeiten der Gärung und der Unruhe, wo sich neue Ziele zeigen, neue Wege auftun. So begreift sich auch in Frankreich die romantische Bewegung durch ihre Gegensätze zum absterbenden Klassizismus des XVII. und XVIII. Jahrhunderts. Sie verneint, was den Klassizismus bestimmt. In Bezug auf das Drama heißt das: Die roman- tische Kritik fordert eine größere Freiheit in der Wahl der Stoffe; wir finden jetzt die Gotik im Aufbau der Handlung, hingebendes Zurück- schauen auf das Christentum und Rittertum des Mittelalters; neu erscheinen auf der Bühne neben Königen und hohen Herren gewöhn- liches Volk und Gesindel; nun gehört es zum Handwerk des Dichters, die Natur zu lieben und gelegentlich in der Bibel zu blättern, schließlich soll er auch bei Italienern und Spaniern, Engländern und Deutschen zu Gaste gehen dürfen.
Im Hinblick auf die vielfache Nachahmung der Engländer, im besonderen Byrons, des Chateaubriands von jenseits des Kanals, Walter Scotts, der Lake Poets, hat man von einer Anglomanie in Frankreich während der ersten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts ge- sprochen; man könnte auch von einer Art Germanomanie reden, muß aber dabei beachten, daß diese allerdings nicht so weite Kreise in ihren Bann genommen hat, vielleicht aber dem einzelnen entschiedener Ziel und Richtung
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seines Strebens setzte und seine dichterische Persönlichkeit bestimmte. In dieser Zeit, da dlie Ausländer das gebildete Frankreich be- schäftigen, sind diese nicht überall mit jedem ihrer Werke in gleicher Weise willkommen. Auch sind manche Schriftsteller zwar dem fremden Wesen günstig gesinnt, aber sie kommen nicht von der herkömmlichen Kunstübung los. So z. B. Alexandre Guiraud, der sein Theater im klassischen Geschmack schrieb, aber theoretisch den neuen Anschauungen huldigte:„Cette hauteur de conceptions, cette ampleur de formes, ce ton de vérité dans l'expression naturelle, si opposé à la fausseté de notre expression théatrale, et dont je trouvais avec bonheur la premiere tentative dans les drames les plus renommés de la scene anglaise ou allemande, tout cet ensemble d'éléments dramatiques, se développant, se combinant bien plus facilement, il est vrai, sous les yeux du lecteur que sous ceux du spectateur, m'avaient séduit, et j'étais bien décidé à ne rien tenter, pour la scène fran- çaise, que dans cette voie de progrès et avec de pareilles conditions de succès.“(Vergl. H. Lucas, Histoire du Théatre Français, 1862, vol. II, p. 246.) Zuerst dringt die Kenntnis des englischen Schrifttums nach Frankreich, dank den Schriften solcher Männer wie Montes- quieu, deren Absehen hauptsächlich auf das Studium der politischen Verfassung des Nach- barvolkes gerichtet war; die englische schöne Literatur kommt fast gleichzeitig in der fran- zösischen Gesellschaft zu Worte, dank be- sonders Voltaire. Schließlich aber in der
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