Jahrgang 
1929
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Schriftſteller ſich am meiſten durch und an Goethe gebildet.Die Fähigkeit der Schüler, die Gedanken eines anderen in ihrer Folge mit Klarheit aufzufaſſen und mit gefälliger Anmut wiederzugeben, iſt um vieles gewachſen. Hiervon zeugte noch vor zwei Tagen der monatliche Aktus, wo die Mitaglieder der vierten Klaſſe(Prima) die ihnen aufgegebenen Gedichte nicht ohne Beyfall ſprachen, und beſonders Walther, dem in Bürgers Leonore eine ſchwere Aufgabe geworden, die ganze Verſammlung durch ſeinen durchdachten Vortrag aufs Angenehmſte unter⸗ hielt. Aber ſchon damals war die Entwicklung der geiſtigen Fähigkeiten junger Menſchen nicht ein gleichmäßig glückliches Fortſchreiten. Ohne Schönfärberei berichtete Joh. Schulze vier Wochen darauf über die Lektüre von Goethes Beſchreibung des römiſchen Karnevals:Sichtbar zeigte ſich auch hier, wie ſehr es allen Mitgliedern der Klaſſe an einer lebendigen Phantaſie gebricht, und oft mußte ich ermuntern, gleich dem Erasmus bei Leſung des platoniſchen Phaidros, täglich auszurufen: O Sancte Socrates ora pro nobis.

Den tiefen Ernſt, mit dem er an ſeine Arbeit ging, zeigen die Worte, mit denen er über den Deutſchunterricht im Herbſtprogramm 1813 berichtet. Nach einer Aufzählung der Lektüre fährt er fort:Die Art, auf welche der Lehrer ſeine Schüler in den Sinn einer Dichtung oder einer proſaiſchen Schrift einzuweihen und ſie zum Ver⸗ ſtändniſſe wie zur ſchönen mündlichen Darſtellung zu bringen ſuchte, läßt ſich nicht durch Worte genügend anſchaulich machen, weil die Behandlung nach der eigentümlichen Stimmung des Lehrers und dem Grundgefühle der einzelnen von ihm gewählten Dichtungen vielfach wechſelte. Aber bewußt iſt er ſich, daß er in keiner Lektion mehr als in dieſer mit glücklichem Erfolge auf alle geiſtigen Kräfte, auf die geſamte Bildung ſeiner Schüler gewirkt, und daß ihm von ſeiner Seite kein Lebensaufwand zu groß geſchienen, um ſeine Schüler zu begeiſtern

iſt, deutet ſchon der Titel der leider nicht erhaltenen Rede an, mit der er am 1. Februar 1813 das Gymnaſium eröffnet hatte:Das wahre Leben einer öffentlichen Schule iſt dadurch bedingt, daß Lehrer und Schüler ſich als

achten, an die er große Anſprüche geſtellt habe. Über ſein Verhältnis zu ſeinen Mitarbeitern, den Lehrern unſerer Schule, iſt aus den Akten ein deutliches Bild nicht zu gewinnen. Eines geht klar hervor: daß er von ihnen

ſoll oder auf ein natürliches Nachlaſſen der zuerſt über Gebühr angeſpornten Kräfte, die vielleicht an der neuen Schule zuerſt mehr als dauernd möglich war hergegeben hatten wer könnte das heute noch entſcheiden. Zum Lobe Schulzes muß aber geſagt ſein, daß er auch zuletzt noch gern und einſchränkungslos anerkennt, wo er Gelegenheit dazu ſieht, und daß der Grundton, mit dem er von ſeinen Mitarbeitern der damalige Ausdruck iſt Amtsgehilfe ſpricht, ſtets der des Verſtändniſſes und der Anerkennung als ſelbſtändig und mit gleichen Rechten Arbeitender iſt. Auch für ihre wirtſchaftlichen Nöte und perſönlichen Wünſche, die ſie an die Behörde richten, zeigt er volles Verſtändnis.

Ein Brief Schulzes an einen Lehrer iſt in den Akten abſchriftlich erhalten: er zeigt den eifrigen, vom Ernſt ſeiner Aufgabe überzeugten Mann, den feurigen Draufgänger, wenn er Unrechtes auf ſeinen Wegen fand. Auch als Kurioſum iſt dieſer Brief wohl der Mitteilung wert. Der Empfänger iſt ein Abbé, ein Franzoſe, von denen nicht wenige damals als Sprachlehrer in Hanau lebten, meiſt aber nur kurz auftauchten und bald verſchwanden. Dieſer, ein Mr. Saugier, war bei Beginn des Schuljahres in das Kollegium eingetreten. Kurz darauf verſchwand er nach Frankfurt es war gerade Karneval es dauerte mehrere Tage, er entſchuldigte ſich ſchriftlich mit Ausreden, abeg er erſchien nicht. Darauf erhielt er folgenden Brief von ſeinem Direktor:Ihr Benehmen iſt von der Art geweſen, daß wir unmöglich ein Verhältnis ernſter Art mit Ihnen anknüpfen können. Sie wußten, daß die von ihnen gemachten Bedingungen vorläufig von der Oberſchulinſpektion genehmigt worden... Sie begannen Ihren Unterricht, nach zwey Tagen gehen Sie, ohne irgend einem etwas zu ſagen, von Hanau; Sie laſſen uns mehrere Tage ohne die geringſte Nachricht, unbekümmert, ob Ihre Lektionen gehalten werden oder nicht. Endlich kommt von Ihnen ein Brief, worin Sie melden, daß die Carnevalsluſtbarkeiten Sie in Frankfurt zurückhielten. Sie verſprachen den Dienstag zu kommen oder den Mittwoch; wir warten auf die Ankunft des Herrn Abbs; aber vergebens; Sie laſſen mir ehegeſtern mündlich ſagen, daß Sie am 4. März nach Hanau zurück⸗

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