kehren würden. Wir erwarteten wieder den Herrn Abbé und wieder vergebens. Heute morgen erhalte ich Ihren lakoniſchen Brief, jetzt ſchützen Sie andere Gründe Ihres Außenbleibens vor. Der Carneval iſt vorüber, der Paß muß herhalten.... Ich durchſchoue Sie ganz; Sie ſind ein eigennütziger, falſcher Mann; denn kaum hatten Sie dem Herrn Heynemann und mir Ihr Wort gegeben, unter den bewilligten Bedingungen in Hanau zu lehren: als Sie zum Herrn Ruth gingen, und ihm in Hinſicht auf Ihre Anſtellung in Hanau ſagten: Pai fait une sottise. Herr Abbél man macht keine Sottiſe, wenn man ſich mit rechtlichen Männern aus edler Abſicht zu einem gemeinſamen guten Werke verbindet. Sie irren ſich, wenn Sie glauben daß zweihundert Gulden für einen pflichtvergeſſenen Abbé in Hanau bereit liegen. Wie kann man Ihnen vertrauen, da Sie gleich beim erſten Auftreten ſo ſelbſtiſch handeln? Nein! Sie werden nicht bei uns lehren! Bleiben Sie alſo wo Sie wollen: für uns taugen Sie nicht: denn unſere Lehrer müſſen Männer ſenn, die reine Liebe hegen zu ihrem Berufe, und Sie, Herr Abbé, ſcheinen nichts zu lieben als ſich ſelbſt.
Warum aber verliere ich Worte gegen Sie, den lakoniſchen vielgewandten Mann? Unſer Verhältnis iſt gänzlich aufgehoben. Nur bitte ich Sie, mir die Bücher, die ich Ihnen geliehen, mit erſter Poſt zurückzuſenden, damit Sie an mich nichts erinnere als dieſer Brief, den Sie auch nach Belieben zerreißen können. Schulze.
Ich habe verſucht, die Akten ſelber ſprechen zu laſſen, um Ihnen ein Bild von dem gräßten Schul⸗ meiſter zu geben, der wohl je an unſerer Hohen Landesſchule gewirkt hat. als kenntnisreicher Gelehrter. als unermüdlicher Organiſator, als lebensvoller, geiſtesbewegter Menſch. Seine erfolareiche Wirkſamkeit fand, wie ſie verdiente, lebhaften, ungewöhnlichen Beifall bei ſeiner vorgeſetzten Behärde. Faſt jedesmal wenn er das Kon⸗ ferenzprotokoll beantwortet, hebt der großherzoaliche Generalkurator Pauli zunächſt die Verdienſte Schulzes hervor. So beainnt ein Reſkript vom 5. Juni:„Mit wärmſten Danke wird es anerkannt. daß unter der tätigen, herz⸗ und einſichtsvollen Leitung des Herrn Direktors das Gymnaſium ſich immer mehr zu einem organiſchen Ganzen geſtaltet.“ Der Herzog ſelbſt, als ihm das Herbſtprogramm überſandt war, vermerkte in den Akten zur Mitteilung:„Das Proaramm des Herrn Schulze iſt ſeelenerhebend und vortrefflich. Auch habe ich dem geiſtvollen würdigen Manne ſogleich Glück dazu gewünſchet.“
Dem erſten Programm iſt kein weiteres gefolgt, denn ſchon die nächſten Monate brachten die Auflöſung des Großherzogtums Frankfurt und den Rückfall Hanaus an Kurheſſen. Der neuen Regierung fehlte es an Wohl⸗ wollen für die großherzogliche Gründuna und ihren Leiter, zwei Jahre noch kämpfte Schulze, meiſt vergeblich. um die Bewilligung der notwendigen Mittel für ſeine Schule, um ſchließlich in eine ausſichtsreichere Tätigkeit überzugehen: er wurde als preußiſcher Oberſchulrat nach Koblenz berufen.
Vieles, Entſcheidendes hat er, ein Jüngling noch, in den wenigen Jahren für die Hanauer Hohe Landesſchule geleiſtet, viel auch ſind ihm ſelbſt ſeine Hanauer Jahre geweſen: ſein Leben nahm hier eine entſcheidende Wen⸗ dung. Er fand in einer Hanauerin eine ebenbürtige Lebensgefährtin, er fand ferner in ſeiner Arbeit die Be⸗ ſtätigung ſeiner Kraft und beſonderen Lciſtungsfähigkeit, hier wurde er Meiſter in ſeiner Kunſt. Er verließ Hanau als ein Gereifter und Gefeſtigter.
Aber ſein Einfluß wirkte weiter auch aus der Ferne: als die Hohe Landesſchule preußiſch wurde, drei Jahre vor ſeinem Tode, war er zwar nicht mehr im Amte, abre ſchon in den Jahrzehnten vorher hatte das kurheſſiſche
aller zeitbedingten Veränderungen weiterhin führend ſein. In ſeinem Gutachten über Gymnaſien und ſeine Er⸗ richtung ſteht ein Wort, mit dem ich ſchließen möchte: Auf dem Gymnaſium wird nicht um der Sachen willen gelehrt, ſondern der Jünaling ſoll„an Denken gewöhnt. ihm der Sinn für die herrlichſten Erſcheinungen auf dem Gebiete der Kunſt und Wiſſenſchaft aufgeſchloſſen und ſeine Seele befruchtet ſein mit einer reichen unzerſtörbaren Liebe für das Ewige in der Natur und Geſchichte“ Dies Wort Joh. Schulzes ſoll für die Hohe Landesſchule weiter gelten, auch nach ihrer Einrichtung zum Reformrealgymnaſium.


