Jahrgang 
1929
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Sekunda: Außerſt ungebildet, ſaſt ohne alles Bewußtſein ihrer geiſtigen Natur und blos an unbedachtes Gedächtniswerk und ſinnloſes Plappern gewöhnt, kamen die Schüler früherhin aus der zweiten Klaſſe in die dritte, ſo daß gewöhnlich ein halbes Jahr verging, ehe ſie aus ihrer Dumpfheit erwachten und einen verſtändi⸗ gen Unterricht auffaſſen konnten. 1

Prima: Der Zuſtand, worin ſich die Schüler bei Cröffnung des Gymnaſiums befanden, genügte auf keine Weiſe den Forderungen, welche man mit Recht an die Mitglicder der oberſten Klaſſe auf einem Gymnaſium macht.

Da begreift man es, wenn JIoh. Schulze fortfährt:Unter ſolchen Umſtänden konnte ich nicht ohne einen weh⸗

das Abſchreiben der langen Konferenzprotokolle uſw. verurſachen, füllen die wenigen Stunden der mir ſo koſt⸗ baren Muße vom Lektionengeben völlig aus. Und trotzdem fand dieſer mit ſeltener Arbeitskraft begabte Mann Zeit nicht nur zu wiſſenſchaftlicher Arbeit, ſondern auch zu aktiver Teilnahme am geiſtigen und politiſchen Leben unſerer Stadt: er war es, der in den Jahren des Befreiungskampfes bei allen großen Gelegenheiten wie etwa beim Auszug der Kriegsfreiwilligen der Sprecher der Bürgerſchaft war.

von innerſter Anteilnahme erfüllt und deshalb erfolgreich muß ſein Unterricht geweſen ſein.

Ein Beiſpiel davon mögen ſeine Berichte über die zwei Deutſchſtunden geben, die er eingeführt hatte. Zu Anfang heißt es:Von deutſcher Grammatik. deutſchen Stilübungen, Leſe⸗ und Declamirübungen war bis Michaelis nie die Rede geweſen(gemeint iſt 1812; in den letzten Monaten der alten Hohen Landesſchule hatte Schulze ſchon einige Stunden in Prima übernommen). Von dieſer Seite erhielt ich alſo die Schüler ganz roh und unausgebildet. Nach vier Wochen berichtet er:Mit den Fortſchritten meiner Schüler in den zwey wöchent⸗

Schüler nicht nur die von ihm gemachten Fehler, ſondern ich declamire ſtets das von ihm vorgetragene Gedicht, wie auch andere von mir memorirte poetiſche und proſaiſche Stücke. Deſſenohngeachtet fehlen alle ohne Aus⸗ nahme noch immer gegen die erſten Regeln des mündlichen Vortrags; kein einziger ſpricht deutlich und beſtimmt,

in meinen Schülern zu wecken. Anfang Juli lautet der Bericht ſchon weſentlich aünſtiger:In den für das Leſen und Declamiren beſtimmten Stunden haben alle meine Schüler bedeutende Fortſchritte gemacht. beſonders Blum und Möller, wie ſich noch ehegeſtern in dem zweiten monatlichen lateiniſchen Aktus zeiate. Daher habe ich auch angefangen, ſtatt der Gedichte, welche uns früher beſchäftigten, proſaiſche Sachen zu erklären, mit ihnen zu leſen oder durch ſie leſen zu laſſen. Ich wählte zu dieſem Zwecke die in Hinſicht der Form wie der Gedanken hoch⸗ vollendeten Bemerkungen Goethes über Winkelmann in ſeiner Schrift: Winkelmann und ſein Jahrhundert. Ubrigens halten alle Mitglieder meiner Klaſſe.... einen ziemlich gleichen Schritt; alle verſtehen den Unterricht und alle leiſten, was von der Klaſſe jetzt gefordert wird. Ihr ſittliches Betragen iſt muſterhaft, ſo daß ich die Stunden, welche ich in ihrer Mitte verlebe, zu den erfreulichſten zähle. Zwei Monate ſpäter iſt der geſtrenge Lehrer zufrieden. Als Lektüre hat erdas Gelungenſte aus Adam Müllers Schriften gewählt, weil gerade dieſer

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