Gymnaſiums abſchließen, wohl angemeſſen, wenn ich ſeine Perſönlichkeit und ſeine Bedeutung für unſere Schule zum Gegenſtand meiner Ausführungen mache.
Schwere Vorwürfe ſind von der Nachwelt gegen dieſen Mann erhoben worden, der etwa 20 Jahre, von 1818 bis 1840, im preußiſchen Miniſterium für die Regelung der Univerſitäts⸗ und höheren Schulangelegenheiten die entſcheidenden Anregungen gab. Lagarde hat ihn den„Proviſor alles Giftes“ genannt, der in die Schulen hinein⸗ gebracht habe, was unter dem Namen Bildung dort Wahrheit, Kraft und Leben verwüſte. Paulſen in ſeiner„Ge⸗ ſchichte des gelehrten Unterrichts“ vergleicht ihn mit einem Röhrenmeiſter, der den lebendig fließenden Strom gei⸗ ſtigen Lebens in ein wohlgeordnetes und wohlbeaufſichtigtes Syſtem von Kanälen geleitet habe; er ſei„ein ſehr tätiger, beweglicher, zu Einmiſchung und Tadel mehr als zu Schonung und Anerkennung geneigter Mann“ gewe⸗ ſen, ein echter preußiſcher Beamter, arbeitſam und gewiſſenhaft; aber ſchwer ſei es ihm geworden„die Selb⸗ ſtändigkeit Untergebener zu achten und noch ſchwerer, Fehlgriffe einzugeſtehen“.
Es iſt hier nicht meine Aufgabe noch meine Abſicht, in einer großen bildungsgeſchichtlichen Kontroverſe Stel⸗ lung zu nehmen und zu unterſuchen, inwieweit die Vorwürfe berechtigt ſind, die ſich gegen Joh. Schulze als Orga⸗ niſator des preußiſchen höheren Bildungsweſens richten. Gewiß. wir verſtehen es und fühlen mit, wenn in unſe⸗ rer Zeit leidenſchaftlicher Widerſpruch erhoben wird, gegen einen Mann, der als Beginner der Zerriſſenheit, Überladung und Schematiſierung im höheren Schulweſen gilt. Sind dies doch Leiden unſerer Zeit, für die wir Abhilfe erſehnen: die einſt kleinen, ſtill und geſammelt arbeitenden Gelehrtenſchulen ſind Fabrikbetriebe gewor⸗ den, mit Maſſen arbeitend, durchſchnittsmäßig, in äußeren Formen von nur geringer Beweglichkeit. Aber liegt das an der Schule, erklärt es ſich nicht aus allgemeinen Charakterzügen des letzten Jahrhunderts? Und wenn man ſich in die Kultur- und Schulgeſchichte jener Zeit vor 100 Jahren vertieft, ſo geht einem auf, daß damals wie heute eine zwangsmäßige Entwicklung vorlag. Ob Joh. Schulze oder ein anderer an der leitenden Stelle ſtand, die Aufgabe, Ordnung und feſte Geſtalt in das höhere Bildungsweſen zu bringen, war dieſelbe.
Die Akten unſerer Schule legen ein deutliches Zeugnis dafür ab. wie nötig dies in jener Zeit war. Unſere Anſtalt iſt die einzige geweſen, die Joh. Schulze geleitet hat. Was er ſpäter auf dem Verwaltungs⸗ wege im großen und allgemeinen zu tun fand, hier war es ihm als praktiſche Aufgabe geſtellt: eine beſtimmte, ſchlecht geordnete, ohne klare Bildungsidee arbeitende Schule leiſtungsfähig zu machen, mit dem Geiſt ſeiner Zeit
Ich ſchicke einen kurzen Überblick über ſeinen Lebensgang voraus: wer war er, als er zu uns nach Hanau kam? 1786 im Mecklenburgiſchen geboren, hatte er nach damals ungewöhnlich gründlicher Schulausbildung 1805 die Univerſität Halle bezogen, um Theologie und klaſſiſche Philologie zu ſtudieren. Unter dem Einfluß von F. A. Wolf und Schleiermacher entwickelte ſich ſein Geiſt und ſeine Intereſſenwelt auf das günſtigſte. Die Not des Vaterlandes machte ihn zum leidenſchaftlichen Patrioten. Mit 22 Jahren übernahm er an dem von ſeinem zwei Jahre älteren Freunde Paſſow geleiteten Weimarer Gymnaſium die erſte Lehrtätigkeit. Vier Jahre in Weimar brachten ihm reiches inneres Wachstum, er wurde von Goethe zum Verkehr herangezogen, fand vielfache Förderung im Hauſe der Witwe Schillers, deſſen Sohn er unterrichtete, kurz, er lebte mit in der angeregten Atmoſphäre des klaſſiſchen Weimar, erfüllt von lebendigem Verſtändnis für die großen Erſcheinungen ſeiner Zeit, vorahnend auch ſchon die Bedeutung damals erſt von wenigen erkannter Dichter wie Kleiſt und Hölderlin. Eine Reiſe in die Schweiz durch die ſüddeutſchen Univerſitätsſtädte brachte den jungen Mann, der ſich als Mitherausgeber der Werke Winkelmanns einen Namen gemacht hatte, in perſönliche Beziehungen mit bedeutenden Gelehrten, u. a. auch mit Peſtalozzi. Auf dieſer Reiſe knüpfte er auch die Verbindung mit Karl von Dalberg an, dem Großherzog von Frankfurt, die zu ſeiner Berufung nach Hanau führte. 1
Er übernahm die Hohe Landesſchule in einem Zuſtand argen Verfalls. Schon jahrzehntelang waren die Lehr⸗ ſtellen nicht ordnungs⸗ und regelmäßig beſetzt, ſchon lange erfüllte die Anſtalt nicht ihren Zweck, eine Ausbildung von akademiſchem Werte zu geben. Die Notwendigkeit einer durchgreifenden Reform war allgemein anerkannt. Seit 1810 gehörte Hanau zum Großherzogtum Frankfurt, in der Schulabteilung der Regierung hatte man mit der Reorganiſation der Frankfurter höheren Schulen bereits begonnen und empfand die Neuordnung der Schul⸗ verhältniſſe in Hanau als ein dringendes Bedürfnis.
In welchem Zuſtand ſich die Hohe Landesſchule befand, mögen Sie mit eigenen Worten des jungen Direktors geſchildert hören. Er ſchreibt über die Tertianer, Sekundaner und Primaner folgendes:
Tertia: Die Veteranen dieſer Klaſſe waren ganz roh, verwildert und ſittenlos und ihre geiſtigen Kräfte lagen noch in faſt tieriſcher Dumpfheit gefangen. Wiewohl man einige derſelben in die erſte Klaſſe entfernte: ſo waren die Zurückbleibenden dennoch auf einem ſo niedrigen Grade der Bildung, daß der Lehrer ſeinen Unterricht mit den erſten Elementen der Sprache beginnen mußte.


