Joh. Schulze als Begründer des humaniſtiſchen Gymnaſiums zu Hanau 1812— 1816). Rede des Direklors bei Enklaſſung der letzten Humaniſten.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schüler!
Die Hohe Landesſchule hat den Kreis der Behördenvertreter und all ihrer Freunde und Gönner heute zuſam⸗ mengebeten, um einen bedeutungsvollen Abſchnitt in der Geſchichte der Anſtalt nicht unbemerkt und ohne Feier⸗ lichkeit zu Ende gehen zu laſſen: mit dem Beginn des kommenden Schuljahres wird ſie aufgehört haben, eine gymnaſiale Schule, eine Anſtalt humaniſtiſcher Studien zu ſein, nachdem ſie ſeit dem 14. Januar 1813 als Gym⸗ naſium, vorher ſeit 1607 als Hohe Landesſchule— d. h. als eine Oberſtufe mit den vier Univerſitätsfakultäten und eine zum Studium vorbereitende Unterſtufe— beſtanden hatte. A³
Wir haben den Tag der Entlaſſung der letzten Gymnaſialabiturienten gewähit, um dieſen Abſchnitt mit einer Feier akademiſcher Art zu verdeutlichen, und wir danken Ihnen allen, die Sie unſerer Einladung ge⸗ folgt ſind und ſo ihre Anteilnahme am Wohl und Wehe unſerer alten Schule bezeugen, indem Sie gleichzeitig uns, den Lehrern und Schülern, durch ihre Gegenwart dieſe Stunde feierlich und bedeutungsvoll machen. Viele von Ihnen, meine ſehr verehrten Anweſenden, ſiad innerlich beteiligt an dem Wandel unſerer Schule, der nun zu ſeinem Abſchluß kommt. Viele von ihnen empfinden es als einen ſchmerzlichen Verluſt, daß der Stadt und dem
ſo mancher von Ihnen ſelbſt durchlaufen hat, in ſo tiefgreifender Weiſe verändert worden iſt. Auch iſt die Zahl und der Einfluß derer nicht unbeträchtlich, die die Umwondlung nicht als eine endgültige und unabänderliche
Menſchheit.
Aber unſere Blicke richten ſich heute naturgemäß auf die Vergangenheit mehr als auf die Zukunft unſerer Schule, und zwar im beſonderen auf diejenige Form unſerer alten Schule, die nun zu Ende geht, auf das huma⸗ maniſtiſche Gymnaſium, ſo wie es zu Beginn des 19. Jahrhunderts geſchaffen worden iſt.
Wenn man verſucht, die Geſchichte der Hohen Landesſchule in den letzten 116 Jahren aus den im Marburger Staatsarchiv vorhandenen Akten vor ſich wiedererſtehen zu laſſen oder aus den gedruckten Programmen, die lückenlos erſt ſeit 1836 über ihre Schickſale berichten, ſo ſind es nur einige wenige Zeiten, die ſich als beſonders bedeutungsvoll und bewegt aus dem Gleichmaß der Tage herausheben. Im allgemeinen geht die Geſchichte der Schule ihren ſtillen Weg gleichlaufend mit den anderen Anſtalten ihres Charakters im Deutſchland nördlich des Mains. Selbſt wichtige Einſchnitte wie 1866 der Übergang aus der heſſiſchen in preußiſche Oberhoheit hinterlaſſen nur geringe Spuren in den Schulakten.
Geſtatten Sie mir deshalb, daß ich ſtatt eine chronologiſche Überſicht zu geben, mich darauf beſchränke, Ihnen von der Zeit zu ſprechen, die man ohne Zweifel als die wichtigſte Epoche der Geſchichte der Hohen Landesſchule als humaniſtiſchen Gymnaſiums bezeichnen muß, der Zeit, als ihr dieſer Charakter durch Umwand⸗ lung der veralteten Hohen Schule gegeben wurde, Es iſt die wichtigſte Zeit, nicht nur weil damals der Charakter der Schule für lange Jahrzehnte feſtgelegt wurde, ſondern auch wegen der Perſon des Mannes, der mit der Er⸗ neuerung der Anſtalt beauftragt wurde. Es war dies Joh. Schulze, der gerade in unſeren Tagen in der pädago⸗ giſchen Welt viel beredete ſpätere preußiſche Miniſterialrat, der als 25jähriger vom Großherzog von Frankfurt, dem damaligen Fürſten des Hanauer Landes, zu dieſer großen und ſchwierigen Aufgabe berufen wurde. Es er⸗ ſcheint mir der Bedeutung dieſer Stunde, in der wir die Geſchichte der Hohen Landesſchule als humaniſtiſchen
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