der 30jährige Krieg. Wenn wir von dem Bauplatz des erſten Hauſes leſen, daß auf ihm nicht viel mehr als die Fundamente ſtanden, daß er eher den Anblick eines bis auf den Grund zerſtörten Hauſes bot, als den eines un⸗ vollendeten Neubaus, daß Baumaterial und Steine auf ihm in friedlichem Durcheinander lagen, ſo müſſen wir an das Bild denken, das wir 4 Jahre hindurch von dem Bauplatz dieſes Hauſes hatten.
Und wenn der geiſtliche Inſpektor Pezenius 1665 in ſeiner Einweihungsrede den fertiggeſtellten Neubau ein Wunder vor unſern Augen nennt, wenn er ausruft:„Heute ſehen wir den mit Gottes Hilfe in die Höhe gebrachten hochanſehnlichen Neuen Schulbau, danach jedermann verlangt, und den viele für unmöglich gehalten“, ſo ſind auch dieſe Worte uns heute wieder aus der Seele geſprochen.
Nun, der erſte Bau der Hohen Landesſchule, der unter den Stürmen des ſchwerſten Krieges, den Deutſch⸗ land erlebte, erſtanden war, hat 250 Jahre lang ſeine Beſtimmung erfüllt.
Trotzdem die Schatten des großen Krieges noch auf dem Lande lagern, ſcheuten die Hanauer Grafen und Bürger weder Koſten noch Mühe, um ihm ein ſchönes und würdiges Ausſehen zu geben. Sie ſchufen das herrliche Sandſteinportal, das noch ſte Portal in unſerer Stadt iſt, und das wir ſo gern in unſeren Neubau hinübergenommen hätten, und ſie gaben ihm die triumphierende Aufſchrift: Existat nobilis academia!
Das taten die Landesherren und Bürger einer Stadt, die unter dem Kriege ſchwer gelitten hatte und mit knapper Not der gänzlichen Zerſtörung entgangen war. So bekundeten ſie ihren Glauben an neuen Aufſtieg aus tiefem Fall, den Glauben an den Sieg über alle Gegenwartsnöte. Wir müſſen heute den trotzigen Mut und die männliche Zuverſicht dieſer Nachkommen eines 30jährigen Krieges bewundern. Einen ſolchen Glauben hat nur ein Volk, das ſeiner Zukunft ſicher iſt.— Die Geſchichte hat ihrem Glauben recht gegeben. Das von ihnen mit ſoviel Liebe und Hoffnung gebaute Haus hat noch manche Notzeit erlebt. Aber der Weg des deutſchen Volkes ging in den 2 ½ Jahrhunderten in ſicherer Linie aufwärts bis zu dem Gipfelpunkt deutſcher Macht, deſſen Zeugen wir noch geweſen ſind. Und die Hohe Landesſchule, deren feſter Bau ſo ſtolz und zukunftsſicher über die Häuſer der Altſtadt ragte, war in dieſer Zeit vornehmſter Sammelpunkt und Kraftquelle geiſtigen Lebens für die Stadt und das Hanauer Land. Wie viel Schüler⸗Generationen ſind durch das Sandſtein⸗Portal Friedr. Caſimirs ein⸗ und ausgegangen, um dann als geiſtige Führer in z. T. hervorragenden Stellungen ihrem Lande zu dienen. Und den Geiſt der Pflichterfüllung, wiſſenſchaftlichen Sinnes und vaterländiſcher Treue, in dem ſie erzogen waren, trugen ſie hinaus und mit ihm befruchteten ſie das Leben ihres Volkes und trugen an ihrem Teil zu ſeinem Aufſtiege bei.
Die Geſchichte des erſten Baus hat ſich bei der Geſchichte des zweiten wieder⸗ holt. Was können wir beſſeres wünſchen, als daß auch ſeine weiteren Schickſale ſich an dieſem Bau wiederholen möchten.
Wieder ſtehen wir an einem Tiefpunkt deutſcher Geſchichte. Wieder heißt es für uns von vorn anfangen, aus Not und Verarmung, innerer Zerriſſenheit und außenpolitiſcher Machtloſigkeit uns von neuem emporarbeiten Was könnten wir Beſſeres tun, als mit demſelben ſicheren und fröhlichen Zukunftsglauben wie jene tapferen Bürger von 1665 an die Arbeit zu gehen.
Dieſer inmitten von Zuſammenbruch und Währungszerrüttung erſtandene Bau iſt ein Denkmal auch unſerer unbeſieglichen Hoffnung auf eine deutſche Zukunft. Und wir können es mit Genugtuung ausſprechen: Der Weg weiſt nach oben! Welcher Schritt aufwärts ſchon ſeit dem Jahre 1919, dem Jahre der Grundſteinlegung, bis zum heutigen Tage der Einweihung! Und mit Gottes Hilfe wird es weiter aufwärts gehen. Dieſes Haus wird der⸗ einſt wieder die Söhne eines freien Volkes in ſeinen Hallen ſehen.
Aber nur die gleichen Eigenſchaften, die unſere Väter ſtark gemacht und emporgeführt haben, können auch uns aufwärts führen. Darum ſoll der Geiſt, der in dem alten Hauſe waltete, in dem neuen eine Stätte haben Wir haben durch den Schmuck der Fenſter und Wände die Geſchichte unſerer Anſtalt zur Anſchauung gebracht. Wir haben ihren hiſtoriſchen Namen wieder angenommen. Das ſoll mehr ſein als Pflege hiſtoriſchen Sinnes oder Lokalpatriotismus. Damit wollten wir die Hoffnung ausſprechen, daß der genius loci des alten Hauſes auch in dem neuen walten möge. Damit wollen wir geloben, die tüchtigen Eigenſchaften, die der alten Hohen Landesſchule Wert und Anſehen gaben, auch an der neuer Stelle und in den neuen Räumen zu pflegen.
Der Geiſt, der in der alten Schule waltete, war vor allem der Geiſt pflichttreuer Arbeit. Die Erziehung zu tüchtiger Arbeit iſt ein Ehrentitel dieſer Anſtalt, ſie iſt das Geheimnis ihrer Erfolge. Ihn wollen wir in das neue Haus mit hinübernehmen und ihn als wertvolles Vermächtnis hüten und bewahren. Woran wir arbeiten lernen, iſt nicht ſo wichtig, als daß wir arbeiten lernen. Die Fähigkeit zu gründlicher Arbeit iſt die wertvollſte Mitgift für das Leben, das unerbittlich ſeine Forderungen ſtellt und den bei Seite ſchiebt, der nichts leiſten kann und will. Eine leichte Schule iſt ein ſoziales Unglück. Aber der Geiſt der Arbeit iſt bei allem Ernſte doch nicht finſter. Labor ipse voluptas. Gerade die Überwindung des Schweren verſchafft Freude. Und Freude iſt das zweite, was in dieſen Räumen walten ſoll. Freude iſt das Weſen des Frühlings, auch des Lebensfrühlings der Jugend. Wenn im jugendlichen Menſchen alle Kräfte des Geiſtes und Körpers ſich entfalten,
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