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Endlich danken wir allen Vertretern der Behörden, Schulen und Vereine, die hier(in ſo reicher Zahl) 3
erſchienen ſind, um mit uns ein Ereignis feſtlich zu begehen, das ſich hoffentlich einſt als ein Segen erweiſen wird
für das ganze Hanauer Land. Und mit dieſem Gefühl des Dankes verbindet ſich ein Gefühl der Freude, endlich 3 wieder ein Schulhaus unſer eigen zu nennen, endlich in freundliche, lichte und geſunde Räume Einzug halten zu
können. Nur wer die Schickſale unſerer Anſtalt in den letzten 13 Jahren kennt, kann das Maß
unſerer Freude verſtehen.
Am 24. Mai 1912 in der Morgenfrühe, am letzten Tage vor den Pfingſtferien, brannte das alte Gymnaſium
in der Schirnſtraße ab. Uber 250 Jahre hatte der ehrwürdige und in ſeiner Eigenart ſchöne Bau unſerer Schule
ein Heim gegeben. Freilich den Anſprüchen einer modernen Schule hatte er mit ſeiner Raum-Enge, ſeinen ſteilen
Treppen und ſchlecht belichteten Korridoren ſchon lange nicht mehr genügt. Und immer ſtärker war der Wunſch nach einem Neubau geworden. Wohl war es manchem wehmütig zu Mute, als ſie ſahen, daß der alte, ihnen liebgewordene Bau, ein Stück ſtolzer Heimatsgeſchichte, in Flammen aufging, als das mächtige Steildach, ein Wahrzeichen der Stadt, wie heute noch dasjenige der Walloniſchen Kirche, zuſammenbrach. Aber in das Be⸗ dauern miſchte ſich doch ein Gefühl der Genugtuung, daß hier das Element des Feuers eine Frage entſchieden hatte, die längſt ſpruchreif geworden war, daß nun die Anſtalt ſchöne Räume erhalten würde, daß aus dieſer Aſche die alte Schule wie ein Phönix in ſchönerer Form wiedererſtehen würde. Wer von den Augenzeugen des Brandes hätte wohl geahnt, daß dieſe Erwartung erſt heute, erſt nach 13 langen Jahren ſich erfüllen ſollte. Wer hätte vor allem geahnt, was für ſchwere Schickſale die Erfüllung der Hoffnungen ſo lange hemmen ſollten!
Der Bauplatz war erworben, die Pläne für einen Neubau wurden entworfen, als im Jahre 1914 der Krieg ausbrach, der alle Kräfte an der Front und in der Heimat in den Dienſt des Vaterlandes ſtellte, und die
Ausführung des Baus unmöglich machte, noch, bevor der erſte Spatenſtich getan war. Nicht nur die Hörſäle
der Univerſitäten und die oberen Klaſſen der Schulen verödeten ruhmvoll, auch die Bauplätze wurden leer von Männern. Zum Bauen war es Zeit, wenn das deutſche Heer nach errungenem Siege heimkehrte, und das würde, ſo hoffte man, bald geſchehen. Aber aus dem einen Jahr wurden vier lange und ſchwere Kriegsjahre, und das zurückkehrende Heer fand ein in Schwäche und Hunger zuſammengebrochenes Land. Und auf die vier Kriegsjahre folgten vier Notjahre mit ihrem Gefolge von wirtſchaftlicher Zerrüttung und politiſchem Zerfall. Das waren ſchlimme Ausſichten für unſere Anſtalt, die in unzureichenden Räumen untergebracht war und ſehnſüchtig auf den Neubau wartete. Im Frühjahr 1919 entſchloß ſich endlich die Staatsregierung, an die Ausführung zu gehen, um der Erwerbsloſigkeit zu ſteuern.
Die Ausſchachtungsarbeiten begannen, die Fundamente wurden gelegt, aber als die Sockelhöhe erreicht war, wurde die Arbeit wieder ſtillgelegt. Die Finanz⸗Verwaltung erklärte ſich außer Stande, die raſch ſteigenden Löhne zu zahlen. Wir hofften auf eine nur kurze Unterbrechung der Arbeiten, aber wir ſollten abermals ent⸗ täuſcht werden. Die Teuerung verſchärfte ſich, das Neubauamt wurde aufgelöſt, und die Staatsregierung er⸗ klärte auf wiederholte dringliche Anfragen durch die Schulleitung und die ſtädtiſchen Behörden, daß an eine Fort⸗ ſetzung des Neubaus nicht mehr gedacht werden könne. Das war alſo das Ende unſerer Hoffnungen. Inzwiſchen hatten ſich die Raumnöte im alten Landgericht mit der wachſenden Schülerzahl bis zum Unerträglichen geſteigert. Wir hatten keinen angemeſſenen Phyſikraum, keinen Zeichenſaal, keinen Geſangsraum, keine Aula. Die Klaſſenräume waren z. T. dunkel und eng, und der Zeitpunkt war nahe, an dem ſie die Schüler nicht mehr faſſen würden. Eine Schule iſt kein Gaswerk und auch kein Bürohaus, ſondern eine Anſtalt, in der geiſtiges Leben gepflegt werden ſoll. Werden die Bedingungen hierfür in lichten und würdigen Räumen nicht geſchaffen, ſo verkümmert ſie. Dieſe Gefahr drohte, wenn der beklagte Zuſtand ſich noch länger hinzog. Daß etwas geſchehen mußte, wurde nicht länger ver⸗ kannt. Mancherlei Wege zur Abhilfe wurden geſucht. Vorübergehend tauchte der Plan auf, das abgebrannte Gymnaſium wieder auszubauen. Vor allem aber wurde die Möglichkeit erwogen, das alte Landgericht zu einem Schulhaus umzubauen. Beide Pläne hätten zu keinem vollen Ergebnis geführt und wären doch nicht billiger geworden als ein Neubau. So faßte denn eine hier tagende Miniſterialkommiſſion am 26. Mai 1923 den groß⸗ zügigen Entſchluß, dem Herrn Finanzminiſter die Ausführung des Neubaus vorzuſchlagen, allerdings unter vor⸗ läufiger Zurückſtellung des Baus der Turnhalle und des Direktor⸗Wohnhauſes. Am 2. Juni traf der zuſagende telegraphiſche Beſcheid des Herrn Finanzminiſters ein, und einige Zeit ſpäter wurde der Bau begonnen, den wir heute einweihen.
Die Geſchichte dieſes Baues iſt ein Stück Geſchichte der deutſchen Notzeit. Ja, ich kann noch mehr ſagen: in der ganzen Geſchichte unſerer eehrwürdigen Anſtalt wiederholt ſich der merkwürdige Rhythmus der deutſchen Geſchichte, jenes merkwürdige Auf und Nieder, das die deutſchen Schickſale, wie die keines anderen Volkes zeigen. Auch der erſte Bau der Hohen Landesſchule, das Haus in der Schirnſtraße, war das Denkmal einer deutſchen Not. Auch ſeine Entſtehung zeigt eine Kette von Hoffnungen und Enttäuſchungen. Hat der Bau, den wir heute beziehen, 13 Jahre gebraucht, ſo hat der erſte Bau ſogar 53 Jahre gedauert. Und was ſeine Ausführung hinderte und ſeinen Fortgang hemmte, war ebenfalls ein großer Krieg,


