Jahrgang 
1902
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Einzelne Schüler haben den Mut gehabt, diesem Treiben fernzubleiben oder sich ihm zu ent- ziehen. Aber wie viel haben diese wohl dulden müssen! Unglaublich ist der Terrorismus, der von älteren Schülern gegen ihre jüngeren Mitschüler geübt worden ist, wenn sie sich ihrem wüsten Treiben nicht anschließen wollten. Sie sind gehöhnt, vom Umgang ausgeschlossen, vielleicht sogar fälschlich verdächtigt worden. Ein Schüler hat eingestanden, er habe seinen Verbindungsbrüdern gegenüber zur Lüge seine Zuflucht genommen, nur um von ihnen loszukommen.

Die Lehrer sind, wenn sie nicht die nötige Unterstützung finden. diesem Treiben gegenüber machtlos. Wenn sie auch an den mangelhaften Fortschritten oder gelegentlich an trotzigem und unbotmäßigem Benehmen der Schüler wahrnehmen, daß etwas nicht in Ordnung ist, eine sichere Handhabe, die Schäden zu ergründen, fehlt ihnen, wenn nicht die Organe der Gemeindeverwaltung, die Erwachsenen und vor allem die Eltern ihnen helfen.

Sollte es den Eltern wirklich einerlei sein, ob ihre Söhne in Seelenfrieden sich ihrer ernsten und nicht leichten Aufgabe auf der Schule hingeben, in edler Freundschaft mit Gleichgesinnten leben, ihr Ziel in ruhigem, sicherem Fortschreiten erreichen können oder nicht? Sollten sie wirklich ruhig zusehen wollen, wenn ihre Söhne durch Drohung und Einschüchterung ihrer Mit- schüler vor die Wahl gestellt werden, entweder unter Gefährdung ihrer Zukunft sich dem verbote- nen Treiben anzuschließen oder von jenen verspottet, verfolgt, vom Umgang ausgeschlossen zu werden?

Wenn die Eltern wollen, daß ihren Söhnen der Aufenthalt auf der Schule zur Freude und zum Segen werde, nicht zur Last und zum Fluch, so sollten sie den noch schwachen und schwankenden Knaben und Jünglingen ihre Stütze und ihren Schutz gewähren und der Schule helfen, das Unwesen, sobald es sich wieder zeigen sollte, im Keime zu ersticken. Sie sollten ihren Einfluß auf ihre Söhne geltend machen, ihr Gewissen schärfen, daß sie sich von verbotenen Dingen fernhalten, sie sollten ihnen das bindende Versprechen abnehmen, der Versuchung zu wider- stehen, und sie zu jeder Zeit sorglich überwachen. Insbesondere mögen Eltern auswärtiger Schüler große Sorgfalt walten lassen bei der Wahl von Pensionen für ihre Söhne, auswärtige Eltern, deren Söhne täglich nach Hause zurückkehren, mögen darauf schen, daß jene sich nicht abends oder nachts unter Angabe von falschen Gründen hier aufhalten. Eine verkehrte Schwäche und falsche Auffassung von Ehrenhaftigkeit wäre es, wenn Eltern sich scheuen sollten, verbotenes Treiben der Schüler der Schule zur Anzeige zu bringen.

Und nun voch Eins! Von Seiten der Staatsregierung wird gerade jetzt die Schule zur nach- drücklichen Beteiligung an dem Kampfe gegen das unheilvolle Ubel der Trunksucht aufgefordert. Aber aller Nutzen der Belehrung durch die Schule wird in Frage gestellt, wenn nicht das Elternhaus durch Erziehung und Gewöhnung die richtige Grundlage für die Belehrung in der Schule schafft. Die Eltern sollten sich bewußt sein, daß der Genuß geistiger Getränke, zumal wenn sie regelmäßig den Kindern, sei es auch nur in kleinen Gaben, verabreicht werden, fur sie zur größten Gefahr werden kann. Er macht sie jedenfalls schlaff. reizbar, zur geistigen Arbeit unlustig oder unfähig. Eltern sollten daher nach Kräften von früh an ihre Söhne gegen das Verlangen nach geistigen Getränken schützen. Hört die Freude am Biergenusse auf, so hören auch die verbotenen Verbindungen mit ihren schädlichen Folgen auf. Noch schüttet man die Schale des Spottes über die Männer aus, die gegen den Mißbrauch geistiger Getränke als einen Krebsschaden unseres Volkes ankämpfen. Wer aber mit einiger Aufmerksamkeit die stets sich mehrenden Stimmen der Arzte beachtet, die immer lauter warnend ihre Stimme erheben, der kann hoffen, daß dieser Spott bald aufhören wird.