v
4
27
.§ 10. Diese Bestimmungen treten mit dem 1. Januar 1902 in Kraft. Mit demselben Tage ver-
lieren alle Anordnungen, nach welchen bis dahin bei der Versetzung in den verschiedenen Provinzen zu verfahren war, ihre Geltung.
Berlin, den 25. Oktober 1901.
Der Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten. Studt.
Verbotene Schülerverbindungen.
Leider hat, wie oben berichtet worden ist, das Unwesen der verbotenen Schülerver- bindungen, das die Lehrer seit Jahren für unterdrückt hielten, seit geraumer Zeit im Stillen an unserer Anstalt wieder Platz gegriffen, und zwar hat sich eine große Zahl von Schülern von Oberprima bis zur Obertertia herab diesem Treiben angeschlossen. Eine Einrichtung, die getroffen worden war, die Schüler der oberen Klassen von verbotenen Dingen fernzuhalten und ihnen eine angemessene Geselligkeit und einen harmlosen Verkehr untereinander zu gewähren, indem ihnen ans bestimmten Tagen zu festgesetzten Zeiten erlaubt war, eine hiesige Wirtschaft zu besuchen, ist von ihnen unter geschickter Täuschung der Lehrer dazu mißbraucht worden, ver- botene Verbindungenzzu gründen und studentisches Treiben mit seinen Auswüchsen nachzuahmen. In Betreff der Verbindung der Schüler der mittleren Klassen hat es sich ergeben, daß die erste Anregung dazu stattgefunden hat bei Gelegenheit einer Einladung, die ein von hier scheidender
Sohn zu einem Glase Bier im Hause seiner Eltern und mit ihrer Einwilligung, leider ohne ihre
Überwachung, an eine Anzahl seiner Mitschüler hatte ergehen lassen.
Der befremdlichste Umstand, den die Untersuchung erwiesen hat, ist der, daß einzelne Eltern offenbar von dem verbotenen Treiben ihrer Söhne Kenntnis gehabt haben, es aber nicht für nötig befunden haben, sie davon fern zu halten oder gar der Schule Anzeige zu erstatten. Sie mögen angenommen haben, es handle sich um harmlose Dinge. Aber diese Annahme ist leider ein verhängnisvoller, schwerer Irrtum. Das Maß der Schuld ist ja bei den Schülern verschieden. Manche mögen immerhin von argen Ausschreitungen fern geblieben sein. Aber eine ganze Anzahl von Schülern hat an Unmäßigkeit Freude gefunden und sich mit ihr gebrüstet, einzelne sind nachts bis zum frühen Morgen von Wirtschaft zu Wirtschaft gezogen und haben auch Straßenunfug verübt. Die Aufzeichnungen, wenn auch nicht aus der allerletzten Zeit, zeigen— leider kann man es nicht ver- schweigen— unglaubliche Rohheiten und Gemeinheiten.
Wie mancher, der die Freude und Hoffnung seiner Eltern war, hat es vielleicht diesem unseligen Verbindungsleben zu danken, daß er sein Ziel nicht erreicht hat! Fast allgemein trifft die Teilnehmer an den Verbindungen der Vorwurf der gröbsten Pietätslosigkeit gegen ihre Lehrer. Gerade auch Schüler, denen es recht schwer geworden ist, auf dem Gymnasium weiter zu kommen, die allen Grund gehabt hätten, ihren Lehrern wegen der großen Geduld und Nachsicht, die ihnen gegenüber geübt worden ist, dankbar zu sein, haben ihnen das Gute nur mit Spott und Hohn ge- lohnt und die ihnen bewiesene Liebe und Treue schlecht vergolten.


