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Diesem Einwurf ist entgegenzuhalten, dass ein solches Nachtmanöver damals weit mehr Verlegen-
heiten darbot als heutzutage, einmal weil die Kommunikationswege und das Terrain überhaupt
Die letzten Ver- suche Lothars Lothringen für Frankreich zu gewinneu.
weit schwieriger war, sodann auch weil die meist berittenen und schwerbewaffneten Mannschaften auf kriegerische Operationen zur Nachtzeit damals zu wenig eingeübt waren. Ausserdem ist daran zu erinnern, dass der Überfall um Johanni geschah, wo die Nächte nicht lang und wenigstens bei heiterem Himmel wenig dunkel sind. Man durfte also von der Nacht nicht einmal einen sonder- lichen Schutz vor vorzeitiger Entdeckung erwarten.
Die letzten Anläufe Lothars und der französischen Könige des Mittelalters überhaupt zur Wiedergewinnung Lothringens ¹) fallen in das Jahr 984, das Jahr nach dem Tode Ottos II. Sie stehen in enger Beziehung zu den Kämpfen um die Vormundschaft für Otto III. und den Usur- pationsgelüsten Heinrichs des Zänkers. Heinrich hatte seit dem Jahr 978 in Utrecht unter Auf- sicht des Bischofs Poppo gefangen gesessen, war aber auf die Nachricht von Ottos II. Tode von Poppo in Freiheit gesetzt worden. Von diesem begleitet zog er nach Köln, nahm hier aus den Händen des Erzbischofs Warin den jungen Otto III. in Empfang und trat nun als gesetzlicher Vormund und als Reichsverweser auf. Ausser Poppo und Warin trat auch der einflussreiche Bischof Ekbert von Trier, sowie Erzbischof Giseler von Magdeburg, Bischof Theoderich von Metz und die bairischen Bischöfe auf seine Seite. Dagegen vertraten die Rechte des jungen Königs und seiner Mutter Theophano die Herzöge Bernhart von Sachsen, Konrad von Schwaben und Heinrich der Jüngere, der Sohn Heinrichs des Zänkers. Noch eifriger aber ergriff der oben(S. 18) erwähnte, in Lothringen reichbegüterte Graf Gotfried, der sich in den Kämpfen mit Reinhart und Lambert um den Kaiser Otto II. so verdient gemacht hatte, die Partei der Kaiserin-Mutter, und zwar um so mehr, als sein Sohn Adalbero, kurz nach Ottos II. Tod zum Bischof von Verdün gewählt, von der Regierung der Kaiserin in dieser Würde bestätigt worden, und sein(Gotfrieds) Bruder Adalbero, der im Jahr 970 die höchste geistliche Würde in Frankreich, das Erzbistum Reims, erlangt hatte, ebenfalls deutschgesinnt und den Ottonen ergeben war. Ihm zur Seite wirkte Gerbert, der nachherige gelehrte Erzbischof von Reims, energisch und erfolgreich für die Sache Ottos III. gegen Heinrich. Es musste immerhin viel darauf ankommen, welche Partei in diesem Streite König Lothar ergreifen würde, zumal da er jetzt mit seinem Bruder Karl, Herzog von Niederlothringen, sowie mit Herzog Hugo Capet von Francien und dessen Brüdern versöhnt war. Erzbischof Adalbero und die Seinen hegten die Besorgnis, Lothar werde sich für Heinrich erklären. Allein er that das Gegenteil: er erklärte sich laut gegen Heinrich und nahm selbst als naher Verwandter die Vormundschaft für Otto III. in Anspruch, beteuerte auch, dass er weder ihm das Reich zu entreissen trachte, noch auch einen Mitregenten einsetzen wolle. Uber die Bedingungen, die Lothar für diese Rolle bei Heinrichs Gegnern in Deutschland stellte, und über seine Absichten erfahren wir zwar nichts. Sollte er aber nicht geglaubt haben, dass ihm bei die- sem Verhalten Lothringen am ehesten und zwar von selbst zufallen würde, entweder als Belohnung von der Regierung der Kaiserin oder als Preis des Parteiwechsels von Heinrich? Und wirklich sehen wir Lothar bald in das andere Lager übergehen, da sich seine Erwartungen nicht schnell genug erfüllten. Der verschlagene Heinrich hatte, wie es scheint, gleichzeitig und unabhängig von einander Unterhandlungen sowohl mit Adalbero von Reims wie mit Lothar angeknüpft, um ihren Bund zu trennen. Die Verhandlungen mit Lothar gediehen zu der Verabredung einer
¹) Cfr. Wilmanns, Jahrbücher des deutschen Reichs unter Otto III.


