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Überfall, mit diesem kurzen Aufenthalt seiner 30,000 Krieger in Aachen? Er konnte doch unmöglich annehmen, dass Lothringen nach diesem vorübergehenden Besuch ohne weiteres in seinem Besitz bleiben würde. Er hatte es ja gar nicht nötig, nach drei Tagen schon wieder abzuziehen, da sich gewiss kein deutsches Heer in der Nähe befand, das dem seinigen nur von ferne gewachsen gewesen würe, ein solches sich so rasch auch nicht sammeln konnte. Eine blosse Demütigung oder Kränkung des Kaisers wäre doch ein gar zu hohles, kindisches Motiv gewesen. Oder soll man annehmen, Neid und Missgunst wegen des Besitzes der ehrwürdigen Kaiserpfalz Karls des Grossen habe Lothar in einer Aufwallung des Zornes über das eben stattgefundene Eintreffen des Kaisers veranlasst, so plötzlich gegen Otto loszubrechen? Wenn dieses Motiv auch mituntergelaufen sein mag, so ist es doch sicherlich nicht das Hauptmotiv gewesen. Es steht dem entgegen, dass der König Lothar doch längere Zeit zur Rüstung eines Heeres von 30,000 Mann nötig hatte, auch wenn er dieselben aus eigenen Mitteln hätte zusammenbringen können, dass er aber dazu erst der Zustimmung und Hülfeleistung seiner Vasallen bedurfte, die nur durch Unter- handlungen für das Unternehmen zu gewinnen waren, wie auch Richer III, 68 angiebt. Man kann also nur annehmen, dass der Feldzug gegen Deutschland schon länger geplant war und dass die Verwendung des Heeres, wie sie erfolgte, eine zufällige war, es müsste denn in Frankreich schon vorher bekannt gewesen sein, dass der Kaiser gerade um Johanni nach Aachen kommen würde. Vielleicht giebt uns der mit den damaligen Intentionen des französischen Königshofes einigermassen vertraute Richer einen Fingerzeig über die eigentliche und nächste Absicht Lothars, wenn er auch nicht gerade heraus und nur widerwillig, wie wir früher sahen, die Wahrheit sagt. Sehen wir also, was uns Richer über die eben erzählten Ereignisse der Jahre 974— 978 und insbesondere über die Absicht Lothars meldet. Von den gewissermassen einleitenden Schritten der Gebrüder Reinhart und Lambert hat er nichts. Der französischen Expedition nach Aachen aber widmet er die Kap. 68— 71 des dritten Buches. Als Einleitung zu diesem Bericht erzählt er in Kap. 67 den Thronwechsel des Jahres 973 in Deutschland, hebt die Eifersucht hervor, die zwischen König Lothar und Otto II. wegen Belgiens bestanden habe und weist auf die Notwen- digkeit des bevorstehenden Kampfes hin. Kap. 68 enthält den angeblichen oder officiellen Grund der französischen Expedition: die Empfindlichkeit darüber, dass Otto sich nach Aachen, so nahe an die französische Grenze gewagt, habe Lothar bestimmt, seine Vasallen um Hülfe gegen Otto zu ersuchen, und zwar habe er diese momentane Kränkung noch mehr empfunden als die andere, dass Otto ihm einen Teil des Reiches mit feindlicher Hand ent- rissen habe. Gleich zu Anfang des folgenden Kap. 69 aber plaudert Richer weiter, die Grossen wären freudig auf Lothars Vorschlag eingegangen und hätten aus freien Stücken versprochen, mit dem König auszuziehen und Otto entweder gefangen zu nehmen oder zu töten oder in die Flucht zu schlagen. Hier scheint mir die eigentliche und wirkliche Absicht hervorzutreten. An der Spitze steht das Wünschenswertheste: die Gefangennehmung, dann folgt die Tötung, endlich als das Geringfügigste die(für den Augenblick demütigende) Verjagung. Gewiss aus der Gefangennehmung des Kaisers hätte man am meisten Kapital schlagen können, gewiss glaubte man um den Preis der Auslieferung Lothringen vertragsmässig wiederzugewinnen. Nimmt man hinzu, was Richer zu Anfang des 71. Kap. sagt: Lotharius cum exercitu affuit Othonem se capturum ratus: und wie sehr er in den nächstfolgenden Zeilen seinem Bedauern über das Misslingen des Feldzugs Ausdruck giebt, so kann man sich wenigstens der Überzeugung nicht verschliessen, dass


