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Grenzland zu belehnen, ferner dass dies letztere, nach dem ausdrücklichen Zeugnis Sigeberts, in der ausgesprochenen Absicht geschah, an ihm einen Verteidiger der deutschen Interessen in Lothringen gegen die Umtriebe seines Bruders zu finden, endlich dass der Kaiser durch besondere Gunstbezeugungen des verwandtschaftlich an Frankreich geknüpften(s. S. 18) Herzogs Friedrich von Oberlothringen sich versichern zu müssen glaubte, so erkennt man leicht, einerseits in welcher Notlage sich damals der Kaiser im allgemeinen befand, indem sein Bruder Heinrich keineswegs unschädlich gemacht war und seine Anwesenheit in verschiedenen Teilen des Reiches dringend geboten erschien, andererseits wie äusserst bedroht er insbesondere Lothringen durch König Lothar unter diesen Umständen sah. Er gedachte durch seine Nachgiebigkeit gegen Rein- hart und Lambert endlieh Ruhe vor ihnen zu erhalten und durch die Belehnung Karls mit Niederlothringen den drohenden Sturm von Westen zu beschwören; es schien ihm offenbar in diesem Augenblick geboten, die beiderseitigen Ansprüche auf den Besitz Lothringens(Deutschlands und Frankreichs) in dieser Weise auszugleichen, und wir dürfen aus diesen überraschenden Mass- nahmen des Kaisers auf das wirkliche Vorhandensein ernstlicher Absichten Lothars auf Lothringen schon damals unmittelbar schliessen. Nur für den schlimmsten Fall legte der Kaiser dem Vetter Karl die Verpflichtung auf, den Eingriffen seines Bruders mit den Waffen entgegenzutreten.
So meinte Kaiser Otto die Westgrenzen des Reiches gegen König Lothar möglichst gesichert zu haben und wandte sich nun wieder nach Osten.
Aus der Ruhe, die der Kaiser nach den inzwischen in Böhmen und Baiern schwer errun- genen Siegen um Johanni 978 in der Kaiserpfalz Aachen zu geniessen gedachte, wurde er durch jenen heimtückischen Überfall seines Vetters, des französischen Königs Lothar, in recht unlieb- samer Weise aufgeschreckt. Lothar hatte im Stillen alles zu einem Feldzuge gegen Otto vor- vereitet und seine alten Verbindungen mit den noch immer unruhigen Brüdern Reinhart und Lambert erneuert; durch einen verwegenen Handstreich gedachte er Otto zu demütigen und so das verlorene Ansehen in seinem Reiche wiederzugewinnen. Ohne Kriegsankündigung, also wider Sitte und Herkommen, brach er mit 30,000 Mann in Lothringen ein und ging in Eilmärschen auf Aachen los, indem er offenbar hoffte, sich der Person des Kaisers bemächtigen zu können. Die Nachrichten von dem Anrücken eines starken französischen Heeres wollte Otto gar nicht glauben. Erst als er mit eigenen Augen die Vorhut des Feindes sah, ergriff er schleunigst die Flucht und nur mit genauer Not entkam er mit seiner Gemahlin Theophano nach Köln. Nachdem Lothar, wie das auf den damaligen Feldzügen die Regel war, die Stadt Aachen seinen Kriegern zur Plün- derung preisgogeben hatte, liess er den Adler, der oben auf der Kaiserpfalz nach Westen gewendet stand, nach Osten richten, zum Zeichen, dass Stadt und Land(Lothringen) fortan wieder dem Westreiche angehöre. Doch verliess Lothar mit seinem Heere Aachen nach drei Tagen schon wieder und trat den Rückzug nach seinen Grenzen an. Der Kaiser war gerechtermassen empört über diesen unköniglichen Überfall seines Vetters, er schickte ihm einen Boten nach mit der Meldung, List und Hinterhalt verabscheue der Kaiser, offen erkläre er ihm daher den Krieg, am 1. October werde er in Frankreich einrücken und hoffe, der Herrschaft Lothars für immer ein
Ende zu machen.
Man muss sich billig fragen: welche Absicht verband Lothar mit diesem heimtückischen 3*
Der Uberfall in Aachen.


