Jahrgang 
1884
Einzelbild herunterladen

IV.

Richer über das Jahr 939.

12

Ludwig, der sich durch diese Heirat ohne Zweifel einen Rechtstitel auf Lothringen erwerben wollte ¹). Aber auch jetzt war Otto bald wieder(zum viertenmale) mit Heeresmacht in Lothringen, brachte den grösseren Teil des Landes und auch den Bruder Heinrich*²) schnell zur Unterwerfung und konnte den Besitz des Herzogtums als gesichert ansehen, als auch der Bischof Adalbero von Metz, der Otto am längsten trotzte ³), den Widerstand aufgab. Ehe Otto zu Anfang des Winters nach Sachsen zurückkehrte, traf er noch zur Befestigung des früheren Bundes mit den Hauptgegnern des Königs Ludwig, mit Hugo von Francien und Heribert von Vermandois zusammen).

Wie stellen sich aber Richers Nachrichten über die eben erzühlten Ereignisse des Jahres 939 zu der übrigen Überlieferung? Es bezieht sich darauf, was er II, cap. 16(erste Hälfte), 17. 18 und 19 berichtet. Aus cap. 16 erfahren wir, die belgischen(othringischen) Fürsten hätten dem König Ludwig ihre guten Dienste angetragen und gehuldigt; sie seien dann mit gnädigen Worten sowie mit dem Bescheid entlassen worden, wieder zu ihm zu kommen, sobald er ihrer Hülfe pedürfe. Richer berichtet hier offenbar über denselben Vorgang, über den sich Flodoard(anno 939) so auslässt:Lotharienses Othonem regem suum deserunt et ad Ludowicum regem veniunt, qui eos recipere distulit ob amicitiam. quae inter eos, legatis ipsius Othonis et Arnulfo comite mediante. depacta erat. Die beiden Nachrichten stimmen zwar darin überein, dass die Lothringer(Belgier) sich dem König Ludwig angetragen hätten, Richer aber unterdrückt seinem Programm zu Liebe, Lothringen ein für allemal in der Klientel Prankreichs erscheinen zu lassen, wie einerseits den Abfall der Lothringer von der deutschen Sache(Lotharienses Othonem regem suum deserunt), so andererseits die förmliche, wenn auch nur vorläufige Ablehnung des Antrages seitens des Königs Ludwig, welche von Flodoard noch besonders motivirt wird. Und doch hatte Richer Flodoards Werk vor sich. Ganz gewiss fand dieser erste Versuch der Lothringer, von Deutschland abzu- fallen, seine nächste Veranlassung in Heinrichs Empörung gegen seinen Bruder Otto und in der pereits fertigen Verbindung Giselberts und Heinrichs: er bezweckte im wesentlichen nur die Wer- bung französischer Hülfe zu desto leichterer Bestehung des deutschen Angriffs. Wenn nun auch Flodoard kein Motiv für das Erscheinen der Lothringer bei Ludwig angiebt, so geht Richer doch noch einen Schritt weiter, indem er die formelle, von Ludwig angenommene Huldigung(Rex ab eis fide suscepta) hinzusezt. Auch erschien Richer das zweite Erscheinen der Lothringer bei Lud- wig überflüssig und unbequem. Er lässt dafür Ludwig gleich erobernd in Lothringen einfallen.

Doch will ich hier erst den zusammenhängenden Bericht Richers über die lothringischen Angelegenheiten des Jahres 939 geben und die entsprechenden Angaben Flodoards zur Vergleichung daneben setzen.

Wortlaut nach denMonumenta Germaniae.

Richer. Flodoard. (cap. 16, erste Hälfte.) Quo tempore Bel- Lotharienses Othonem regem suum deserunt, gicorum principes ad regem conveniunt, ac et ad Ludovicum regem veniunt, qui eos reci- Lauduni apud eum gravissime conqueruntur, eo pere distulit ob amicitiam, quae inter eos, le-

¹) cf. Clouet, Histoire de Verdun, I, pag. 310. ²) Ann. Augiens 939.

³) Ann. Augiens 939 und Contin. Regin. 939. ) Flodoard ann. 939.