Jahrgang 
1884
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Ludwig IV. von Frankreich.

Das Jahr 939.

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zu Anfang auch in Lothringen erhoben, zur Geltung zu bringen, wie Waitz, Heinrich I., S. 93 sagt. Es entspricht dies auch der Lage, in der er sich befand. Keineswegs überall in Frankreich anerkannt, musste er sich die Anerkennung vielmehr noch Jahre lang auf verschiedenen Punkten erkämpfen und es sorglich vermeiden durch W ühlereien oder gar einen offenen Angriff auf Loth- ringen sich Heinrich zum Feind zu machen, der ohnehin von Lothringen aus Gelegenheit genug fand, in die französischen Wirren(wie noch 934) vermittelnd einzugreifen. So ist denn Loth- ringen seit 925 deutsches Reichsland geblieben, zunächst unbeanstandet bis zum Jahre 936, dem Todesjahre der beiden Könige Heinrich und Rudolf.

Ehe ich weitergehe zu den späteren Verwickelungen wegen Lothringens, will ich kurz berichten, was uns Richer über die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich in der Zeit von 915(916) bis 936 überliefert. Von dem Zuge Karls dés Einfältigen nach Worms hin im Jahre 920 hat er gar nichts. Von dem darauf geschlossenen Waffenstillstand und Frieden spricht er ebenfalls nirgends ausdrücklich. Nur könnte man die am Schluss des 24. Kap. erzählte Zusammenkunft Heinrichs und Kurls und das daraus folgende Bündnis zwischen beiden darauf beziehen (vielleicht auch, bei einem Geschichtschreiber wie Richer, die Kap. 20 erwähnte Unterredung der beiden Könige im Wormser Gau, obgleich dieselbe im Sinne Richers einem früheren Zeitpunkte angehört und auch gerade mit einer Verfeindung beider endet?). Dagegen geht Richer auf die Entthronung Karls des Einfältigen näher ein. Er erzählt zuerst(I, 21) den Abfall seiner Vasallen und seine Gefangennahme durch sie, sodann(I, 22 24) die Befreiung des Königs durch den Erzbischof Herivaus von Reims und die Verwendung desselben für seinen König bei Heinrich I. und als Resultat davon das vorher erwähnte Bündnis der beiden Könige. Richer scheint mir diese ein- leitenden Ereignisse zur Entthronung Karls früher zu setzen als er sollte oder aber den Tod Reginars von Lothringen zu spät, so wenigstens in der zweiten Redaktion seines Werkes, denn in der ersten sehen wir dessen Sohn Giselbert schon früher über Lothringen gebieten. Kurz, die Erzühlung von Reginars Tode und der Nachfolge Giselberts in der Herzogswürde von Lothringen folgt erst mit Kap. 34; wahrscheinlich aber, um dem Giselbert, als einem intriganten Neuerer die wei- terhin mitgeteilte Entthronung Karls hauptsächlich zur Last zu legen. Natürlich darf man sich nicht darüber wundern, dass Richer den Ubergang Lothringens an Deutschland mit Stillschweigen übergeht.

Wir gelangen zu der Darstellung der Versuche zur Wiedergewinnung Lothringens von seiten der Nachfolger Rudolfs. Ihm folgt auf dem französischen Königsthron wider ein Karolinger, nämlich Ludwig, der Sohn Karls des Einfältigen, der nach der Gefangennahme des Vaters von der Mutter nach England gerettet worden war. Es sind aber gerade die karolingischen Beherr- scher Frankreichs, die den Anspruch auf Lothringen immer von Neuem erheben. Und so sehen wir denn auch den kaum in der Herrschaft befestigten Ludwig im August 938, während der neue Herrscher Otto in Deutschland mit inneren Wirren zu kämpfen hatte, bei Breisach im Elsass anwesend, was bestimmt auf einen Einfall in die Rheinlande hindeutet. Doch haben wir keinerlei nähere Nachrichten von diesem Einfall Ludwigs; er ist nur durch eine Urkunde ¹) des(westfrän- kischen) Königs Ludwig vom 24. August 938 bezeugt.

Der Lothringerherzog Giselbert war bis dahin mit den deutschen Königen Heinrich I. und Otto I. in Frieden verblieben. Aber im Jahre 939 empörte sich gegen Otto I. dessen jüngerer

¹) Bouquet Recueil IX, 590.