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denken, und auch König Heinrich I. musste erst einige Jahre vorübergehen lassen, um günstige Zeitumstände für eine Aktion in dieser Richtung abzuwarten. Heinrich musste es sich sogar gefallen lassen, dass es der Westfrankenkönig Karl im Jahr 920 wagte, über Lothringen noch hinaus- zugreifen und einen Einfall in deutsches Gebiet bis in die Gegend von Worms zu machen, in ein Terrain also, das schon durch den Vertrag von Verdün deutsch geworden war, um, wie der Fort- setzer des Regino S. 615 sagt, seinen Anspruch auf das Elsass und das linke Rheinufer nördlich davon bis Mainz(Alsatiam et partes illas Franciae iuxta Rhenum usque Magontiam sibi usurpaturus etc.) geltend zu machen. Freilich wurde er bald genug auch ohne das Eingreifen des deutschen Königs selbst zu schimpflicher Flucht gezwungen. Die Verhältnisse mochten es Heinrich noch nicht gestatten, diesen Einfall durch einen Feldzug zur Eroberung Lothringens zu vergelten. Wir erfahren vielmehr von einem Waffenstillstand, der zwischen beiden Königen im folgenden Sommer bis Martini desselben Jahres geschlossen wurde, und von einem förmlichen Frieden, der noch vor Ablauf dieses Waffenstillstands zu Bonn zu Stande kam. Karl konnte sich nunmehr wieder seinen inneren Reichsangelegenheiten zuwenden und er that's, indem er denjenigen seiner Grossen nieder- zuhalten und unschädlich zu machen suchte, der seinem Streben nach möglichst grosser Königs- macht am schroffsten entgegen getreten war und mit König Heinrich Verbindung gesucht hatte. Das war eben der ränkesüchtige Herzog Giselbert von Lothringen, Sohn und Nachfolger(um 916) Reginars. Allein wahrscheinlich hauptsächlich auf Betreiben dieses Giselbert bildete sich nun eine Verschwörung unter den französischen Grossen zur Absetzung Karls; ein Gegenkönig wurde auf- gestellt in der Person des Herzogs Rotbert von Francien. Der Kampf zwischen Karl und Rotbert endete mit der Niederlage Karls und dem Tode Rotberts in der Schlacht bei Soissons in der Mitte des Juni 923. Aber kaum einen Monat später war an seine Stelle sein Schwager, Herzog Rudolf von Burgund gewählt und der Kampf sollte von neuem beginnen. Allein Karl geriet bald nachher in die Gefangenschaft eines seiner Gegner, des Grafen Heribert von Vermandois, und war so für Rudolf unschädlich gemacht. Diesem unterwarf sich zwar ein Teil der Lothringer; allein gerade die ersten Leute in Lothringen wollten nichts von dem Burgunder wissen, so vor allen der Erz- bischof Rotger von Trier, zugleich Erzkanzler für Lothringen, und Herzog Giselbert, der es zwar mit König Rotbert gehalten hatte; sie wenden sich jetzt an König Heinrich. Derselbe zog noch gegen Ende des Jahres nach Lothringen, um den dortigen Freunden die Hand zu bieten. Obwohl damals Heinrich dem Kampfe mit dem heranrückenden Rudolf auswich, hat ihn doch schon jetzt der östliche Teil Lothringens als Oberherrn anerkannt, während die westlichen Bistümer, z. B. schon Verdün, noch bei Frankreich blieben.
Im Jahre 924 war Heinrich wahrscheinlich absolut abgehalten(z. B. durch die Ungarn- händel, nach Flodoard während des ganzen Sommers durch Krankheit), den lothringischen Ange- legenheiten näher zu treten. Kein Wunder also, wenn sich ein junger, unstäter Mann wie Gisel- bert durch jenen Heribert von Vermandois bestimmen liess, sich von König Heinrich I. ab- und König Rudolf zuzuwenden. Da nun Rudolf mit Giselbert im Frühjahr 925 an der Maas
König Rudolf von Frankreich hat keinen Versuch mehr gemacht, die Ansprüche, die er 2
Ostlothringen deutsch.
Ganz Lothringen deutsch.


