Jahrgang 
1884
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Lothringen noch französisch.

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Kap. 13 wird der Tod Odos so mitgetheilt, als ob er nicht erst 5 Jahre später, sondern bald nach Karls Erhebung und fast aus Anlass derselben erfolgt wäre. Nach dem Bericht des 14. Kap. wird nun zunächst die Anerkennung Karls in Gallien eine allgemeine, denn selbst der Bruder des verstorbenen Königs, Rotbert, sei zu Karl in Vasallenverhältnis getreten, Von ihm als Herzog über das Celtenland gesetzt und mit einer Vertrauensstellung beehrt worden. Nach den folgenden Worten kehrt Karl nach der Besitzergreifung des Celtenlandes nach Belgien zurück und zieht weiter nach Sachsen. Auch wenn wir nur eine ganz reinliche Abschrift der zweiten Redak- tion des Richerschen Werkes hätten, so gäbe dieser Bericht doch gerechten Grund zu Kopfschüt- teln, zumal da Karl in Sachsen urbes sedesque regias und oppida besucht und ohne Widerstand in Besit⸗ genommen haben soll(also auch urbes in Sachsen um das Jahr 900). Da wir aber Richers eigne Handschrift haben und diese zeigt; dass er in der ersten Redaction stattSachsen Belgien und StattHeinrichGislebert geschrieben hatte, so hat man die Wahl anzunehmen entweder, dass Richer urspr ünglich hat erzählen wollen, König Karl wäre zweimal unter gleichen Umständen de h Belgien gekommen, zum erstenmal:nachdem er alles(im Celtenland) in Besitz genommen, zum zweitenmal:nachdem er das celtische Gallien dem Rotbert übergeben, oder aber(und das ist mir das Wahr cheinlichere) da Richer ja unter Belgien kein bestimmt abgegrenztes Land, bald das Gebiet vom Rhein bis zur Marne(Seine), bald nur Lothringen begreift, dass im Sinn der ersten Richerschen Darstellung das Verhältnis so war: Jedenfalls ist von einer zweimaligen Anwesenheit Karls in Belgien, d. h. nördlich der Marne-Seine die Rede, und zwar war er zum erstenmal dort anwesend, sei es weil er aus dem Celtenland überhaupt in seine Residenz(Laon oder Reims) zurüc kgekehrt war, sei es insbesondere auch deshalb, weil er dem heiligen Remigius (in Reims) entweder für die Huldigung des Celtenlandes, wofür er bereits dem heiligen Martin in Tours sich erkenntlich gezeigt hatte, oder für eine formelle Nac hhuldigung Belgiens ausser(dem damals noch deutschen) Lothringen herrliche Gaben, gleichsam ein Dankopfer, darbringen wollte; zum zweitenmal aber war Karl in Belgien, d. h. in Lothringen im Jahr 911, um dieses Land in Besitz zu nehmen. Um nun den Ruhm der Besitzergreifung Lothringens, die er nothwendig ver- schweigen musste, weil er von einer Sonderstellung Lothringens bis zum Jahre 911 nichts zu wissen scheinen will, Karl nicht gänzlich abzustreifen, so hat Richer in seiner zweiten Redaction zu noch grösserer Glorificierung seines früheren Königs daratts kurzer Hand ein Ubergreifen Karls nach Sachsen und in noch entlegenere Gebiete gemacht. Wirklich unbekannt scheint es Richer indes gewesen zu sein, dass Gislebert erst éetwa 4 Jahre nach 911 Herzog von Lothringen wurde,

So musste der mächtigste Fürst, der spätere König Deutschlands und Wiedereroberer Lothringens, für jetzt als dem Westfrankenkönig unterwürfig dargestellt, aus der glücklichen Besitznahme Lothringens musste mit französischer irbertreibung eine Eroberung Sachsens, resp. ganz Deutschlands gemacht werden. Richer hat seine erste Ubereilung und Leichtfertigkeit durch eine zweite nicht minder grosse Leichtfertigkeit zu verbessern gesucht.

Mir hat sich also die Uberzengung aufgedrängt: Richer hat dadurch, dass er eigentlich gar nichts über die lothringischen Händel aus der Zeit von 882 bis zum Tode Reginars berichtet, die Geschichte entstellt und zwar bewusstermassen, und hat auch mit der Erzühlung von Karls Reise nach Sachsen sein Lesepublikum in die Irre führen wollen.

König Konrad I. von Deutschland konnte bei den vielen Widerwärtigkeiten, die er im Innern Deutschlands noch zu bestehen hatte, wohl kaum an die Wiedergewinnung Lothringens