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so erkennt doch auch Wattenbach den hohen Wert des Richerchen Geschichtswerkes besonders für die spätere Zeit an, in welcher die Herrschaft von den Karolingern auf die Kapatinger überging.
Ja höchst auffallend und wunderbar sind Richers Nachrichten über die oben dargestellten politischen Neuerungen in Lothringen, Er lässt zum Beispiel die Abgeschiedenheit Lothringens von seinem Vaterlande Frankreich bis 911 unerwähnt und übergeht demgemäss auch die viel- tachen Händel, von denen die damaligen Geschicke Lothringens bestimmt waren. Man muss allerdings behaupten: Entweder fehlte es ihm, wie Wattenbach(Geschichtsquellen, I. S. 257) meint, fast gänzlich an schriftlichen Denkmälern für die erste Periode seines Werkes bis zum Jahre 919, mit welchem erst die Annalen Flodoards beginnen, oder aber er lässt jene Abgeschie- denheit als nicht zu Recht bestehend, mit Fleiss unerwähnt. Es fragt sich, ob die zuletzt erwähnte Ansicht Wattenbachs, Richer habe die wichtigsten Vorgänge bis 919 aus Unkenntniss übergangen, haltbar ist. Ich kann mich dieser Meinung nicht anschliessen, halte vielmehr das gänzliche Verschweigen tiefgreifender politischer Thatsachen der französischen Königsgeschichte. wie selbst der Herbeirufung Karls des Einfältigen gegen Zwentibold durch Reginar und gar der Besitzergreifung Lothringens in den Jahren 911 und 912 recht eigentlich für eine absichtliche Eutstellung des historischen Sachverhalts. Wie sollte es dem Richer und seiner Umgebung in der Metropole und Bildungsstätte Reims, besonders seinem gelehrten und politisch so bewanderten Auftraggeber, dem Erzbischof Gerbert, unbekannt gewesen sein, dass Lothringen nach dem Vertrag zu Meerssen dem westfränkischen Reiche nach und nach gänzlich entrissen wurde und endlich 911 in den Machtbereich desselben zurückkehrte? Und wenn in Frankreich niemals auch nur eine Zeile über diese Thatsachen aufgezeichnet worden wäre. so konnten sie dort doch unmöglich zu Richers Zeit in Vergessenheit geraten sein, am allerwenigsten aber in dem Lothringen so benach- barten, in jener Periode politisch und wissenschaftlich so hervorragendem Erzstift Reims. Durch einen Zeitraum von 84 Jahren ist die Besitzergreitung Lothringens durch Frankreich von dem Zeitpunkt getrennt, in welchem sie von Richer hätte erzählt werden müssen. ISt es denkbar. dass ein Geschichtsschreiber, der die seiner Zeit nächstliegenden Dinge behandelt, gerade über die am meisten hervorstechenden und wichtigsten Thatsachen in völliger Unwissenheit bleibt, wenn er noch Leute genug gekannt und gesprochen hat, die als Erwachsene solche Thatsachen in nächster Nähe erlebt haben? Richer sollte nicht nach Möglichkeit Erkundigung über einen Zeitabschnitt. für den ihm schriftliche Zeugnisse fehlten, eingezogen haben, während er es doch ganz besonders in Reims so bequem damit hatte? Richer kennt ja den Herzog Reginar(Ragenarus heisst er bei ihm) zur Genüge. Buch I. cap. 34 erzählt er mit Wärme seinen Tod und sein Leichenbegängnis. Warum sollte er nicht mehr und Wichtigeres von ihm zu berichten gewusst haben?
Offenbar geflissentlich verschwiegen hat Richer das für Frankreichs Geschichte so wichtige Ereignis von 911, um die Meinung zu affektieren, Lothringen und wer weiss was noch habe nach Fug und Recht schon längst zu Frankreich gehört. Es müsste denn sein, dass wir in Folgendem einen leisen Anklang an jene Ereignisse hätten.
Es fragt sich nämlich, was man von Richers Erzählung I. 14 zu halten hat. In dem vorhergehenden Kap. 12 erzählt er Karls des Einfältigen Erhebung auf den französischen Königs- thron im Jahr 893 und wir erfahren genauer, dass er in Belgien zwar allgemein anerkannt wurde. dass aber das Celtenland(zwischen Marne-Seine und Garonne) Odo noch treu blieb. Im folgenden


