Richer.
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von Seiten des neuen deutschen Königs Konrad I., der gewiss mit der Familie Gebhards verwandt war, als sein leitendes Motiv annehmen können. Vielleicht schützte Reginar auch das Aussterben der deutschen Karolinger vor, um seine Abschwenkung unter die Fahnen des westfränkischen Karolingers zu rechtfertigen. Davon aber, dass König Karl der Einfältige die Initiative bei der damaligen Erwerbung Lothringens ergriffen hätte, findet sich in der Überlieferung nicht einmal eine Andeutung. Allein kurz vorher hatte er durch Aufnahme der Normannen in der Normandie im Nordwesten seines Reiches freie Hand bekommen und konnte nun im Osten desto herzhafter zugreifen, wo ihm das so Begehrenswerthe gereicht wurde. Lothringen war also um das Jahr 911 ein geschlossenes Herzogthum geworden und als solches an Frankreich übergegangen. Es plieb zunächst über ein Jahrzehent in diesem Verband, da der deutsche König Konrad I. die Wiedereroberung auf zwei Feldzügen in den Jahren 912 und 913 nicht durchzusetzen vermochte. Nur das Elsass wurde von Konrad behauptet.
Ich komme nun auf ein Geschichtswerk zu sprechen, das an der Spitze der nationalen Geschichtsschreibung der Franzosen stehend, die Geschicke Frankreichs in dem Zeitraum von 882— 995 behandelt. Es sind die vier Böcher Richers, betitelt:„Richeri Historiarum Libri quattuor.“ Richer war nach dem Jahr 966 als Mönch in das Benediktinerkloster des heiligen Remigius zu Reims getreten und verfasste dort auf Veranlassung des gelehrten Erzbischofs Gerbert von Reims sein Werk im Anschluss an die Annalen des früheren Erzbischofs Hinkmar von Reims und unter Benutzung der noch vorhandenen trefflichen Annalen des Domherrn Flodoard von Reims sowie (hauptsächlich für die spätere Zeit) der Schriften Gerberts über die französischen Kirchenversamm- lungen der Zeit(S. Basle, Mouson, Concy). Zur Würdigung Richers als Geschichtsschreibers, der den eben mitgeteilten lothringischen Verhältnissen zeitlich noch so nahe stand, sei Folgendes gesagt, wobei ich die Urteile zweier Autoritäten voranstelle. W. Giesebrecht, Geschichte der deutschen Kaiserzeit, I. S. 787 f. tadelt Richer, wenn er seinem Werke im Allgemeinen auch grossen Wert, ihm selbst einen scharfen, durchdringenden Blick in die allgemeinen Zeitverhältnisse und eine für jene Zeit nicht gewöhnliche Ausbildung für die historische Darstellung beimisst, doch wegen Ruhmredigkeit, Nationalstolzes, Flüchtigkeit in Benutzung seiner Quellen, ja selbst wegen absichtlicher Entstellung der Wahrheit. W. Wattenbach's, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter, I. S. 257 ff., gediegenes Urteil geht dahin, äusserlich sei Richer, was vorher dar- gethan wird, trefflich ausgerüstet gewesen, um ein Geschichtswerk von nicht gewöhnlichem Werte zu schreiben, aber leider fehle es ihm gänzlich an der inneren Befähigung und vor allen Dingen an geschichtlichem Sinn. Nicht die Thatsachen, nicht die Wahrheit seien ihm das Wesentliche. sondern mehr noch die den Alten abgesehene Form der Darstellung. Er zeiht ihn ferner des Mangels an Wahrhaftigkeit und Genauigkeit, der Übertreibung dessen, was er bei Flodoard vor- fand, der Verfälschung seines eigenen Werkes zur Befriedigung einer krankhaften nationalen Eitelkeit.„Ein besonders günstiges Geschick“, fügt Wattenbach hinzu,„hat uns seine eigene Handschrift aufbewahrt“(von Pertz 1833 zu Bamberg wieder aufgefunden)„und diese zeigt uns, wie er im ersten Buche das, was er früher geschrieben hatte, verändert hat, um anstatt Giselberts und der Lothringer den König Heinrich und die Deutschen dem westfränkischen Könige unter- worfen erscheinen zu lassen. Doch bleibt es zweifelhaft, ob hier wirklich eine absichtliche Entstellung anzunehmen ist, oder ob er sich Selbst durch seine ganz falsche Auffassung der älteren Geschichte irre leiten liess“ Obgleich also„Richer als Historiker hier nicht hoch gestellt“ wird,


