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indem dem Lande eine besondere Kanzlei unter der Leitung des Erzbischofs Ratbod von Trier als Erzkanzlers belassen wurde.
Der westfränkische König Karl der Einfältige scheint die letzten lothringischen Wirren nicht zur Erwerbung des Grenzlandes benutzt zu haben, da er wahrscheinlich durch die Zerrüttung im eigenen Lande abgehalten wurde. Auch erfahren wir nichts von französischen Eingriffen in Lothringen während der ührigen Regierungszeit Ludwigs des Kindes. Dagegen sehen wir in dieser Zeit wie bei den übrigen Hauptvölkern Deutschlands so auch bei den Lothringern die Herzogsgewalt wieder emporkommen. Der Grund dieser Erscheinung ist offenbar in der damaligen Schwäche der Königsgewalt gegenüber der überhandnehmenden Gesetzlosigkeit und Unsicherheit sowie in dem Bestreben der Stämme zu suchen, einen näheren Mittelpunkt gegen die immer ungestümer heranbrausende Ungaruflut zu haben. In Lothringen ragte ja schon längst Reginar. auch Langhals beigenannt, als Graf von Hennegau und Haspengau unter den Grossen hervor. Er hatte die häufigen Neuerungen im Besitz Lothringens, wenn nicht hauptsächlich veranlasst. doch klüglich ausgebeutet und den ersten Anstoss zum Sturze Zwentibolds gegeben. Jedenfalls trug er und die übrigen Geguer Zwentibolds, welche sich die Herrschaft des Kindes gefallen
liessen, damals reichen Gewinn davon. Und wenn die deutsche Reichsregierung auch darauf
bedacht war, sich diese grossen Vasallen in Lothringen nicht über den Kopf wachsen zu lassen. und besonders auswärtige Herrn. namentlich die ostfränkischen Konradiner, mit Liegenschaften in Lothringen zu belehnen, so war doch vor allen Reginar schlau genug, es deswegen nicht zum Bruche mit der Reichsregierung kommen zu lassen, sondern vielmehr günstige Momente zur Beseitigung dessen, was Seine Ausnahmestellung einschränken sollte, zu erlauern. Ein solcher Moment trat im Jahre 910 ein. In der Ungarschlacht dieses Jahres fiel Gebhard, derjenige von den Konradinern, der von der Regierung Ludwigs des Kindes am meisten in Lothringen begünstigt, der namhafteste Nebenbuhler Reginars und mit dem Herzogstitel geschmückt gewesen war. Zwei unmündigen Söhnen des Gefallenen war es nicht möglich, sich in Lothringen zu halten, sie erbten nur die väterlichen Besitzungen in Franken. Damit war Reginar unbestritten der mächtigste Mann in Lothringen, der nun gewiss, wie gleichzeitig Andere in Sachsen und Baiern, herzogliche Gewalt ausübte, worauf übrigens sein Titel eines„Sendboten(comes ac missus dominicus)“ in einer Urkunde aus dem Juni des Jahres 911 einigermassen hindeutet. Standen der Ausbildung der Herzogsgewalt in Lothringen auch erheblichere Schwierigkeiten im Wege als anderswo, S0 besonders die grosse(nationale) Mannigfaltigkeit der Bevölkerung und die bedeutende Macht der Bischöfe, so hat Reginar dieselben doch durch seine angeborne Schlauheit und dadurch überwunden, dass er diejenigen lothringischen Gebietsteile, die nicht zum Kerne des Landes gehörten, fahren liess. Ihm gehorchten nur die Länder am Niederrhein, an der Mosel und an der Maas, die fortan im engeren Sinne Lothringen heissen, während das schwäbische Elsass, der Strassburger Sprengel und Friesland getrennte Wege einschlugen.
Sichergestellt aber hat Reginar seine lothringische Herzogswürde erst durch die Losreissung Lothringens von Deutschland bald nach Gebhards Tode. Wenn auch nicht ausdrücklich überliefert ist¹), dass Reginar der Urheber dieses Abfalls War, so ist dies doch kaum zu bezweifeln und man wird recht wohl die Befürchtung einer Restituirung der Familie des Herzogs Gebhard in Lothringen
¹) Annales Alamann. a. 911 u. 912. Annales Lobiens. 912. cf.: Stein, Geschichte des Königs Konrad I., Nördlingen 1872, und: Löher, König Konrad I. und Herzog Heinrich von Sachsen, München 1858.
Lothringen wird französisch.


