Jahrgang 
1884
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Erster wosttränkischer Versuch auf Lothringen.

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die verloren gegangene Hälfte Lothringens noch an sich bringen könne. Allein Ludwigs des Deutschen gleichnamiger und ebenbürtiger Sohn(Ludwig der Jüngere) behauptete mit dem Heer- banne der Ostfranken, Sachsen und Thüringer den deutschen Antheil an Lothringen gegen seinen Oheim Karl den Kahlen, der bereits Köln besetzt hatte, in der siegreichen Schlacht bei Andernach am 8. October 876.

Nach dem Tode Karls des Kahlen(877) und dem seines Sohnes und Nachfolgers Lud- wigs II. des Stammlers(April 879) rief der eine Teil der über die Wahl eines neuen Königs zwiespältigen französischen Grossen den Sieger von Andernach zur Besitzergreifung der Krone Westfranciens herbei, um die minderjährigen Söhne des Stammlers, Ludwig und Karlmann, von der Thronfolge auszuschliessen. Ludwig der Jüngere folgte auch diesem Rufe sofort, liess sich jedoch von der Gegenpartei der französischen Grossen bestimmen. gegen Erwerb auch der West- hälfte Lothringens auf die Krone des westfränkischen Reiches zu verzichten(879). Im folgenden Jahre erneuerte er jedoch, gedrängt von seiner ehrgeizigen Gemahlin Luitgard und wohl auch von den deutschgesinnten unter den französischen Grossen, den Versuch, die Krone Westfranciens zu erlangen. Allein er mochte wohl die deutsche Partei jenseits der Mosel und Maas nicht(mehr) stark und zuverlässig genug finden; kurzum obgleich die beiden feindlichen Heere bereits kampf- fertig gegenüber standen, liess man doch von einer Entscheidung durch die Waffen ab, und zu Ribemont kam ein Vergleich zustande. wonach Ludwig der Jüngere auf die Krone Westfranciens, die westfränkischen Könige Ludwig III. und Karlmann ohne Rückhalt auf ihren Antheil an Lothringen verzichteten. Die deutsche Grenze gegen Frankreich verlief nun folgendermassen: Im Norden begann sie bei der Mündung der Schelde oder etwas südlicher an der des Sinkfal bei Sluis, folgte, Brabant von dem westfränkischen Flandern scheidend, dem Laufe derselben, umschloss den Gau von Kammerich, den Hennegau, den Lommagau(im heutigen Namür) und erreichte die Maas unterhalb des Durchbruches durch die Ardennen. Sie umfasste sodann das Gebiet an der Krümmung dieses Flusses mit Sedan und Donchery und hielt sich nun in grösserer Entfernung westlich von der Maas, die Argonnen durchschneidend, sodass sie die Gaue von Verdün und Bar le Duc sowie die an beiden Ufern des Ornain und der Marne bis Chaumont einschloss. Von dort wandte sie sich in östlicher Richtung nach dem Elsass hinüber.

So war denn im Jahre 880 der deutsche König Ludwig der Jüngere in den rechtlichen Besitz von gan⸗ Lothringen gelangt, freilich mit Ausnahme der südlichen Teile des Reiches von König Lothar II., wo sich inzwischen selbständige Herrschaften gebildet hatten. Und über 30 Jahre blieb zunächst Lothringen fast unbestritten bei Deutschland. Denn wie hätte man auf französischer Seite in dieser Zeit der politischen Spaltung, der Unabhängigkeitsgelüste der grossen Vasallen und der dauernden Gefährdung und Bedrohung von aussen an die Wiedergewinnung des Landes denken können? Wir erfahren sogar, dass, als in dem Jahre 881(und 882) während der letzten Krankheit Ludwigs des Jüngeren( Januar 882) die lothringischen Lande der schreck- lichsten normannischen Verheerung offen gelegen hatten und nun die Grossen Westlothringens in ihrer Not den westtfränkischen König Ludwig III. durch eine Gesandtschaft bitten liessen, ihr Land unter seinen Schutz zu nehmen, dieser das lockende Anerbieten zurückwies.

Zwar wurde von westfränkischer Seite im Herbst 882 ein friedlicher Versuch gemacht, wenigstens die Westhälfte Lothringens wiederzugewinnen. Als nämlich der westfränkische König Ludwig III. im August 882 plötzlich gestorben war und die Grossen seines Reiches im Begriffe